Du bist wohl falsch gepudert!?

Du bist wohl falsch gepudert!?

Diese Frage stellt sich beim Karneval in Santa Cruz de la Palma nicht. Es gibt kein richtig oder falsch. Es wird gepudert, was das Zeug – Pardon – die Dose hält. Wer ungepudert nach Hause geht, der hat den größten Spaß verpasst. In den ganzen Straßen hängt eine dichte weiße Wolke, die sogar die Sicht auf die Hauptperson versperrt, La Negra Tomasa.

Im Gegensatz zu allen anderen ist La Tomasa sehr bunt gekleidet. Außerdem hat sie einen, wie es neudeutsch wohl heißt, afrikanischen Migrationshintergrund. Ihre (eigentlich seine, denn La Tomasa wird von einem Mann verkörpert) schwarz angemalte Haut ist sogar durch den dichtesten Puderstaub noch zu erkennen.

Klare Kleiderordnung bei den Feiernden: Man trägt weiß | © Anja Obst

Klare Kleiderordnung bei den Feiernden: Man trägt weiß | © Anja Obst

Die meisten Teilnehmer jedoch verschwimmen im wahrsten Sinne des Wortes zu einer weißen Masse. Anders als bei uns in Deutschland, wo jeder schrille und kreative Kostüme auswählt, sind fast alle Besucher des Karnevals in Santa Cruz de la Palma in Weiß gekleidet.

Jeder, der etwas Buntes trägt, fällt besonders gerne den Puderern zum Opfer. So auch ich. Denn aus Ermangelung an weißen Kleidungsstücken, konnte ich nur ein weißes Oberteil finden. Als Hose dient eine Schlafanzughose, die immerhin weiße Streifen hat. Es nützt nichts, ich muss gepudert werden. Alles muss weiß sein.

Das hat auch einen Grund: Mit den weißen Kostümen, die zudem meist der Mode des letzten Jahrhunderts entsprechen, machen sich die Palmeros lustig über ihre Ahnen, die Indianos.

Diese waren nach der wirtschaftlichen Hochzeit der Kanarischen Inseln nach Mittel- und Südamerika ausgewandert, um dort ihr Glück zu machen. Jahrzehnte später kehrten sie zurück, elegant in Weiß gekleidet und mit einem Koffer voll Geld in der Hand. Mit ihnen kamen schwarze Hausmädchen nach La Palma. Dargestellt von La Tomasa.

Diese historischen Ereignisse sind perfekt inszeniert. Am Hafen landet das kleine Boot mit La Tomasa an der Hand ihres Großherren. Als Höhepunkt und eigentlich auch Beginn des Karnevals zeigt sie sich um 13.00 Uhr auf den Treppen der Plaza de España, wo sie schon ungeduldig erwartet wird.

Auftritt: La Tomasa

An Rosenmontag verschwindet Santa Cruz de la Palma im Pudernebel ... | © Anja Obst

An Rosenmontag verschwindet Santa Cruz de la Palma im Pudernebel … | © Anja Obst

Mit schwingenden Hüften steigt sie die Treppe hinunter, begleitet von einer jubelnden und singenden Menge. Im Takt werden die Puderdosen geschwenkt und ein ums andere Mal verschwindet La Tomasa aus dem Blickfeld.

Die Tradition mit dem Puder, wie auch der Karneval selbst, wurde von einer kleinen Gruppe in den 1970er Jahren belebt. Zuerst waren es nur rund zehn Freunde, die sich verkleideten und mit Puder bestäubten. Unter der Diktatur Francos mussten sie auch immer fürchten, von der Polizei geschnappt zu werden. So ein Treiben war in der Zeit nicht gestattet. Es fand eher in geheimen Plätzen und leisen Sohlen statt.

Ganz in weiß

Heute ist es dagegen laut in den Gassen der Hauptstadt La Palmas. An jeder Ecke ertönt kubanische Musik. Salsa, Son, Rumba und afrikanische Trommeln bringen die Menschen zum Wogen. Lässig lehnen junge Männer mit einer dicken Havanna im Mund an den Häuserfassaden, trinken Rum und schauen ihren Frauen beim Tanzen zu.

Viele der »edlen Damen« tragen Hüte oder schützen sich mit Spitzenregenschirmen vor dem Puder. Lange weiße Handschuhe dürfen bei der Tracht nicht fehlen. Die große Avenue an der Küste wird gesperrt. An ihr sitzen Verkäufer mit Klapptischen, die jedem Bedürftigen Puderdosen in verschiedenen Größen verkaufen.

Die Geschäfte in der Innenstadt haben sich ebenfalls vorbereitet. Viele Inhaber haben ihre Türen und Fenster mit Klebeband abgedichtet, damit sie am nächsten Tag nicht das feine Puder aus den Regalen oder von ihren Produkten fegen müssen.

Andere haben natürlich geöffnet und bieten für die Nachzügler oder ahnungslosen Touristen Hosen, Röcke und Hüte an. Natürlich alles in weiß. Und manchmal ist es sogar ein Tabakwarenladen, in dem noch schnell der Panamahut gekauft werden kann.

Zwischen den wabernden, weißen Massen sehe ich vereinzelt Leute, die sich als Negra Tomasa verkleidet haben.

Ein Kissen am Allerwertesten, schwarze Schuhcreme im Gesicht und ein buntes afrikanisches Gewand, fertig ist der Inbegriff üppiger Weiblichkeit aus fernen Landen. Die »hohen Herren« pfeifen ihr hinterher, die weißhäutigen Damen belächeln sie hochmütig. Aber auch das gehört alles zu dem großen Spektakel, das jedes Jahr Tausende am Rosenmontag anlockt.

... auch unsere Bloggerin | © Anja Obst

… auch unsere Bloggerin | © Anja Obst

Anfangs dachte ich, es sei schade, dass es nicht wie in Köln Kamelle gibt, da hätte man ja wenigstens was von, und seien es nur Bauchschmerzen später. Aber Puder? Ein Gutes hatte diese Tradition dennoch: Meine Haut war weich wie ein, ja, Babypopo.

 

Nach einer spanischen Eingewöhnungszeit an der Costa Brava, tourt Wahl-Spanierin Anja Obst seit ein paar Monaten über die Kanarischen Inseln. Vor ihrem Spanien-Abenteuer hat sie dreizehn Jahre in China gelebt. Ihre Erfahrungen im Reich der Mitte inspirierten sie zum Verfassen des »Fettnäpfchenführer China«.

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.

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