Karnevalsumzug auf Spanisch

Karnevalsumzug auf Spanisch

Zwar mit Köln oder Mainz nicht vergleichbar, doch auch in Sant Pol de Mar wird Karneval gefeiert. Den Anfang macht ein Fressgelage am Donnerstagabend, erzählt mir meine Bekannte Christina. Schließlich werde ab nächster Woche gefastet! »Allerdings«, räumt sie ein, »fasten auch nur die wirklich Religiösen.« Davon gebe es nicht mehr so viele.

Traditionell, so fährt sie fort, komme tortilla und botifarra auf den Tisch. Das Omelette aus Kartoffeln und Eiern kennt, glaube ich, jeder. Bei botifarra muss ich nachfragen. »Das ist eine typisch katalanische, grobe Bratwurst aus Schweinefleisch, sehr fett, und daher genau das Richtige, bevor man so lange auf Fleisch verzichten muss«, erklärt Christina.

Und natürlich gibt es auch verkleidete Menschen! Am Samstagnachmittag startet um fünf ein kleiner Karnevalsumzug. Die Betonung liegt dabei auf klein, denn es handelt sich nur um zwei Wägelchen, die sich ihren Weg durch den Ort bahnen. Einer der Wagen hat Sport als Motto und ein Harlekin strampelt den ganzen Weg über auf einem Fitnessrad.

© Anja Obst

© Anja Obst

Der zweite Wagen ist Superhelden gewidmet und kutschiert Kinder in vielfältigen Interpretationen von Superman, Spiderman und einigen noch nicht mit einem Comic gewürdigten Übermenschen zum Vorplatz des Verwaltungsamtes. Auch die begleitende Menge, vorwiegend aus Kindern mit ihren Eltern bestehend, ist fast komplett verkleidet. Die meisten haben sich in puncto Kostüme gegen den Sport und für die Superhelden entschieden. Aber daneben gibt es zusätzlich die bewährten Indianer, Cowboys und Prinzessinnen als auch sehr aufwendige Verkleidungen, die zum Beispiel einen Hut aus echtem Brot, passend für den Kopf des Trägers gebacken, benötigen.

Auch die Haustiere werden nicht verschont. Ein Dalmatiner ist als Eule verkleidet (allerdings ist das nur im Rahmen seines menschlichen Rudels ersichtlich). Ein Border Collie mimt eine Prinzessin im rosa Tüllkleid und ist damit das einzige Mitglied seines menschlichen Rudels, das ein Kostüm trägt. Auch scheint ihnen der Lärmpegel nichts auszumachen. Von beiden Wägelchen schallt laute Musik herab, natürlich unterschiedliche. Während der Harlekin zu flotten Techno-Rythmen in die Pedale tritt, geben sich die Superhelden bewusst cool mit bodenständigem Rock. Kein Wunder, dass ihnen eine Gruppe der Blues-Brothers immer dicht auf den Fersen ist.

Zum Abschluss des Umzugs spricht der rei carnestoltes, der Karneval-König, noch ein paar mir unverständliche Worte vom Balkon des Verwaltungsgebäudes.

Laut Christina, die ich dort wieder treffe, verkünde er nur, dass alle feiern und tanzen sollen, Dienstag sei ja schließlich der Spaß dann vorbei.

© Anja Obst

© Anja Obst

Am Sonntagmittag ist die Einkaufsstraße erneut gesperrt und mit Tischen voll gestellt, an denen Hühner, Heilige und noch mehr Blues-Brothers ihr Mittagessen einnehmen. Dafür war eine Reservierung notwendig, damit auch für alle die unterschiedlichen Kochstellen für Paella oder Grillgut bereit standen. Nicht zu vergessen die musikalische Untermalung, die erneut, wen überrascht es, alle fünf Meter aus gegensätzlichen Rhythmen besteht.

Die Schmausenden scheint es nicht zu stören. Sie frönen, wie der rei carnestoltes gefordert hatte, dem Überfluss in jeglicher Beziehung. Denn auch in Spanien ist am Aschermittwoch alles vorbei.

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.