Mörder in Sant Pol!

Mörder in Sant Pol!

Es ist schon ein paar Wochen her, da ging ich nachts mit Neus durch die fast leeren Straßen Sant Pols und erzählte ihr, dass ich vor meiner Entscheidung, hierher zu ziehen, einen Lokalen gefragt hatte, ob der Ort denn auch für Frauen abends sicher sei. Neus und ich schauten uns an und lachten herzlich.

Mittlerweile weiss ich ja, dass Sant Pol wohl einer der sichersten Orte ist, in denen ich je gelebt habe. Dann aber wurde meine Freundin ernst und fragte: »Oh, hast du noch gar nicht von den Mördern gehört, die hier frei herumlaufen?«

Ich lachte weiter, alleine. »Wirklich!«, beharrte Neus. Und bevor ich mir in meinem Kopf eine mögliche Geschichte über den hiesigen Kammerjäger ausmalen konnte, erzählte sie mir von zwei Pitbulls, die einen kleinen Hund tagsüber, auf offener Straße, vor den Augen seines Frauchens, kaltblütig attackiert und getötet hatten. Jetzt lachte auch ich nicht mehr.

Ein anderer Bekannter, Victor, vervollständigte die Geschichte ein paar Tage später. Ihm zufolge hetzten die beiden Pitbulls ihr flüchtendes Opfer, bis sie ihn wieder eingeholt hatten und zerrten so lange an dem Tier, bis es leblos liegen blieb.

Diese Geschichte war seitdem Thema auf allen Spaziergängen, egal, mit wem ich sie unternahm. Nicht nur diskutierten wir über Möglichkeiten, wie man einen Angriff abwehren oder verhindern könnte.

Gegenmaßnahmen

Die angebliche Wunderwaffe Wasser trägt ja zum Beispiel niemand kübelweise mit sich herum. Und diese bei meinem Hund anzuwenden, wäre wahrscheinlich kontraproduktiv. Er würde vor Wasserscheu erstarren und somit eine noch leichtere Beute abgeben. Auch Maßnahmen, wie ein erneutes Ausbrechen der Tiere aus dem Garten verhindert werden könnte, wurden besprochen.

Es kamen ein paar radikale Ansichten zur Sprache, wie die Überlegung, ob man nicht einfach ein Stück vergiftetes Fleisch über den Zaun werfen sollte. Das hat mich doch sehr erschreckt.

Meiner Meinung nach liegt die Schuld am Ende beim Halter, der unfähig ist, sein Tier zu kontrollieren. Hunde, selbst Kampfhunde, werden durch den Menschen zu gefährlichen Waffen gemacht. Das Tier hat sich das bestimmt nicht ausgesucht, glaube ich, Gene hin oder her.

Wie auch in Deutschland gelten Hunde in Spanien rechtlich gesehen als Sache. Es ist somit »nur« Sachbeschädigung, wird ein Hund getötet. Auch hier spielen die Gefühle, die vielleicht eine einsame, alte Dame für ihren Begleiter hegt, keine Rolle. Weiterhin ist auch keine signifikante Strafe, weder für die Hunde, noch den Besitzer, zu erwarten. Anders natürlich in dem Fall, dass Menschen oder gar Kinder bedroht sind.

Die Petition

Das war am Ende auch die Argumentation. Nachdem alle in den folgenden Wochen mit einem unguten Gefühl ihre Hunde durch die Botanik gescheucht hatten, formierte sich eine Gruppe, die eine Petition entwarf und dem Gericht vorlegte. Der Richter war laut Victor leicht zu überzeugen, dass ein ähnlicher Überfall nicht nur erneut passieren, sondern auch der Schutz der Menschen nicht gewahrt werden könne.

Vorgestern nun kam der Gerichtsbeschluss mit unverzüglicher Umsetzung: Die beiden Pitbulls wurden abgeholt. Was mit ihnen geschehen wird, ob sie eingeschläfert werden oder sich jemand die Mühe macht, sie ihrem Wesen entsprechend unter seine Fittiche zu nehmen, bleibt unklar.

Auch wenn ich froh bin, nun wieder entspannt spazieren gehen zu können, empfinde ich Mitleid mit den beiden Hunden. Zwar gehören sie berechtigterweise in die Kategorie der Kampfhunde. Aber meiner Meinung nach kann zumindest fast jeder Hund mit dem richtigen Training ein kontrollierbares Tier werden. Auf der anderen Seite könnte wohl auch jeder Pudel oder Zwergpinscher zu einer Kampfmaschine werden, piesackt man ihn nur genug. Es liegt letztendlich am Halter. Der, aber, kommt fast immer ungeschoren davon.

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Dieser Artikel wurde geschrieben von

Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.