Sonne, Sand und Sondermüll

Sonne, Sand und Sondermüll

Ein Parkplatz in Puerto de la Cruz, Teneriffa. Eine Familie fährt vor, packt ihr Picknick aus und genießt den sonnigen Nachmittag direkt an der Küstenpromenade. Während sie essen, fallen Plastikverpackungen, leere Dosen und Servietten achtlos zu Boden. Ich mache mich schon bereit, verbal meinen Zeigefinger zu heben.

Der kleine Junge spielt mit seinem ferngesteuerten Auto, sein Opa rettet es ein über das andere Mal vor dem Sturz ins Meer. Schließlich packen sie zusammen, verstauen Tisch und Stühle in ihrem Auto und – ich bin freudig überrascht – heben den Müll auf und lassen ihn in einer Plastiktüte verschwinden.

wegesrand

Müll am Wegesrand | © Anja Obst

Doch dann bin ich baff vor Erstaunen: Der Opa nimmt die Tüte, geht zur Küstenpromenade und wirft sie direkt neben die leeren Plastikflaschen, die bereits dort herumliegen und darauf warten, in einigen Jahrhunderten verrottet zu sein.

Er geht zum Auto zurück und will einsteigen. Jetzt hält mich nichts mehr. »Entschuldigung, ihr habt euren Müll vergessen!«, rufe ich hinüber. Freundlich, aber bestimmt. Seine Augen sind nun so groß vor Erstaunen, wie meine eine Minute vorher.

»Da liegt doch eh schon so viel rum«, antwortet er. »Gerade drum!«, rufe ich zurück, nicht mehr ganz so freundlich. Tatsächlich geht er wieder zurück und holt den Müll. Grummelnd steigt er ein und fährt von dannen.

Das war nicht das einzige Mal, dass ich mich wagemutig eingemischt habe. Eine ähnliche Szene spielte sich bei Los Abrigos ab, wo vier Jugendliche ihren Müll praktisch direkt neben mein Auto stellten. In dem Fall war mir etwas mulmiger zumute. Ich war allein, die vier Kerle kräftig gebaut und auch schon alkoholisiert.

Trotzdem klopfte ich an die Autoscheibe und bat darum, den Müll mitzunehmen. Ehrlich gesagt überraschte es mich, dass einer von ihnen ausstieg, um die Tüte wieder einzusammeln.

Aber immer wieder bin ich einfach enttäuscht, wie viele Menschen es nicht für nötig halten, ihre Reste wieder mitzunehmen. Praktisch an jedem neuen Standplatz, den ich aufsuche, laufe ich mit einer Mülltüte in einem kleinen Zirkel um den Bus, um das Gröbste aufzuheben.

Und, als brave Deutsche, fein säuberlich getrennt in Restmüll, Plastik und Glas. Die meisten Plätze sind übersät von Taschentüchern. Dosen und Plastikflaschen säumen Gehwege und am meisten regen mich die zerschmissenen Glasflaschen auf.

Müll von Zwei- und Vierbeinern

An viele dieser Plätze kommen Familien mit kleinen Kindern. Wie schnell stürzt eines und ritzt sich nebenbei noch die Knie oder Hände auf? Die Sorgen, die ich mir um die Pfoten meines Hundes mache, muss ich nicht erst erwähnen.

Ein Urlauber aus Barcelona, der mit seiner Frau und zwei Hunden unterwegs war, sagte neulich zu mir: »Ich verstehe nicht, warum Hunde so selten am Strand erlaubt sind. Hundebesitzer sind meist sauberer, als die anderen.« Ich konnte ihm nur Recht geben.

Wobei es natürlich auch genug Hundebesitzer gibt, die ihre Hunde machen lassen, was und wo sie wollen, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Unterschied ist nur, dass Hundekot im Vergleich zu Aluminiumdosen relativ schnell recycelt ist.

Ein anderer Bekannter sagte gerade gestern, dass er es nicht verstünde, wie Leute die schweren 3-Liter-Wasserflaschen zum Strand schleppen, aber die leere Flasche vom Strand nicht wieder mitnehmen könnten. »Die könnten sie sich sogar ans Ohr hängen!«, bekräftigte er. Mir fiel außer einem kräftigen Nicken nichts weiter dazu ein.

Ich denke, das ist nicht unbedingt ein spanisches oder kanarisches Problem. Überall auf der Welt machen sich die Leute zu wenig Gedanken darüber, was der Müll in den Meeren und an Land anrichtet. Vielleicht fällt es mir derzeit einfach mehr auf, weil ich mich fast nur in der Natur aufhalte und sich jedes in Ästen verfangenes Taschentuch vom Grün der Kakteen und Büsche deutlich abhebt.

Kampf gegen Windmühlen

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Skulptur aus Müll | © Anja Obst

Es gibt auf jeder der Inseln hier mittlerweile ehrenamtliche Helfer, die sich verabreden, an den Küsten die Müllberge einzusammeln. Ein Kampf gegen Windmühlen zwar, aber besser als nichts. Und wie heißt es so schön: Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein!

Und bevor der mich trifft, gehe ich schnell raus und sammele meine Zigarettenkippen ein, die ich gerne mal im sandigen Boden ausdrücke.

Es gibt aber durchaus auch kreative Möglichkeiten, den Müll wiederzuverwerten. An einem Bäumchen hier in Candelaria hatte jemand bunte, leere Dosen neben kletternde Weihnachtsmänner gehängt und so ein bisschen für Weihnachtsstimmung gesorgt. Ganz zu schweigen von der guten Laune, die der Betrachter von dem kreativen Baumschmuck bekommt.

Vielleicht hat ja jemand noch weitere Ideen, wie man zum Beispiel Weihnachtsgeschenke verpacken kann, ohne dass hinterher die Mülltonnen überquellen. Die Natur freute sich darüber.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern und Besuchern des CONBOOK-Magazins ein schönes und müllarmes Jahr 2017!

Nach einer spanischen Eingewöhnungszeit an der Costa Brava, tourt Wahl-Spanierin Anja Obst seit ein paar Monaten über die Kanarischen Inseln. Vor ihrem Spanien-Abenteuer hat sie dreizehn Jahre in China gelebt. Ihre Erfahrungen im Reich der Mitte inspirierten sie zum Verfassen des »Fettnäpfchenführer China«.

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.

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