Obst aus Spanien

Obst aus Spanien

Anja Obst verbrachte 13 Jahre in China. Ihre Erfahrungen mit der Kultur im fernen Osten inspirierten sie bei der Arbeit zu ihrem beliebten Kulturführer »Fettnäpfchenführer China«. Seit über einem Jahr lebt sie nun in Spanien und berichtet für uns in diesem Blog von ihren ersten Schritten in der neuen Heimat. Hier die gesammelten Erlebnisse ihres ersten Spanien-Jahres…

27. Februar 2013

»Du fährst in den Frühling«, schlägt es mir neidvoll beim Abschied entgegen.

Mein Hund Askim und ich sind auf dem Weg nach Spanien. In Barcelona angekommen zeigt die Temperaturangabe im Zug nach Sant Pol de Mar 17° C an. Ja, ich bin im Frühling! Mit jeder Haltestelle allerdings nimmt diese Zahl ab. Bei 12° steige ich aus. Immer noch besser als -10°, denke ich. Doch weit gefehlt. In meiner Wohnung gibt es keine Heizung. Durch das regnerische Wetter liegt die gefühlte Luftfeuchtigkeit bei 100%. Die meiste Zeit verbringe ich in meinem Schlafsack eingemummelt auf dem Sofa. Ich passe kaum in diesen praktischen Schlauch rein, so viele Pullover habe ich an. Nur die Nasenspitze guckt raus. Trotzdem friere ich.

Die nächsten Tage werde ich immer wieder an mein erstes Jahr in Peking erinnert. Der kälteste Winter in Jahren hatte die Stadt ereilt. Meine Heizungen dort waren höchstens handwarm. Allerdings legitimierte dieser Umstand das Tragen mehrerer Schichten und das bevorzugte Aufhalten im Bett. Aber hier, bei 12° plus, fühlte sich das nicht richtig an.

Auch die Tatsache, dass es keine Heizungen mehr zu kaufen gibt, abgesehen von Strom fressenden Ölradiatoren, ähnelt meinen Erfahrungen aus Peking. Produkte waren saisonal, sei es Gemüse oder Heizungen. Man bekam sie zu den entsprechenden Zeiten. Genauso in Spanien: Auch der Selbstbaumarkt in der nächst größeren Stadt hier kann mir nicht helfen. »Kommen Sie im Herbst wieder, da haben wir wieder Gasheizungen!« Ich kaufe zumindest einen kleinen Radiator für das Badezimmer, damit die heiße Dusche wenigstens eine Minute nachhält und ich nicht schon beim Abdrehen des wohltemperierten Wassers wieder Gänsehaut bekomme.

»Wann wird es denn endlich warm?«, frage ich unermüdlich meine geduldige Bäckersfrau. »Bald«, sagt sie jedes Mal. Und jedes Mal hat sie Unrecht. Seit sechs Wochen. Schließlich gibt sie mir eine andere Antwort: »Das ist wirklich ungewöhnlich. Dieser Winter ist länger und kälter als sonst. Es regnet auch selten so viel.« Dabei klingelt wieder mein kleines Peking-Glöckchen. Ich scheine ein Händchen für lange, kalte und ungewöhnliche Winter zu haben. Gerade ich, die sich erst bei 29° richtig wohl fühlt. Doch dann hat der Wettergott endlich Erbarmen. Der Südwind treibt Wärme und Sonne an die Costa Brava. Draußen ist es wärmer als drinnen, ein weiterer Umstand, den ich auch oft in Peking erleben durfte, und so mache ich es wie die Reptilien: Ich heize mich bei jeder Gelegenheit, stock steif verharrend, in der Sonne auf. Leider speichert mein Körper die Wärme nicht so lange wie eine Eidechse. Abends bleibt mir dann doch nur wieder das Verkriechen unter die Decke übrig.

15. März 2013

Wenn man wie ich mit einem Hund unterwegs ist, wird man oft für einen Lokalen gehalten. Schon öfter wurde ich nach Wegen gefragt, die ich selbst noch kaum kenne. Schlimmer aber: Ich verstehe meist kein Wort. Gut, mein Spanisch ist, nett ausgedrückt, ausbaufähig. Aber selbst die Beherrschung der Sprache macht wohl keinen großen Unterschied.

Ich bin in der Provinz Barcelona. Hier ist Katalanisch die Amts- und Hauptsprache. Es ist kein Dialekt, sondern eine eigene Sprache. Ich vergleiche es mal mit Niederländisch und Deutsch. Mit etwas Mühe und gelegentlichem Erraten können sich beide Nationen verstehen. Aber wenn man noch nicht mal Deutsch spricht, um bei diesem Vergleich zu bleiben, wie soll man denn dann Niederländisch verstehen?

Es gibt einige Wörter, die gleich oder sehr ähnlich sind im Spanischen und Katalanischen. Und auch durch den französischen Einschlag im Katalanischen können Brücken gebaut werden. Französisch kann ich, nebenbei gesagt, auch nicht wirklich. Wenn dann außerdem Wörter dazukommen, die komplett anders und nicht zuordnungsfähig sind, ist es vorbei mit der Unterhaltung. Sollte sie überhaupt schon entstanden sein.

Bislang waren die meisten so nett, ins Spanische zu wechseln, wenn sie merken, dass ich kein Wort verstehe. Oder sie nutzen gleich die Chance, ihr Englisch oder Deutsch zu praktizieren. Ich bin dafür sehr dankbar. Nichts ist schlimmer, als nur freundlich nicken zu können und zu hoffen, dass das grad keine Frage war. Meine ältere Nachbarin ist da ein wenig unbarmherziger. Bei ihr nicke ich meist nur freundlich und werfe ein hoffentlich richtiges »sí, sí« (ja, ja) oder wahlweise »¿de verdad?« (ach, wirklich?) ein, während sie für den nächsten Redeschwall Luft holt.

Sie meint es nicht böse, ganz im Gegenteil. Eine herzensgute Frau mit großem Redewunsch. Und ich würde zu gerne verweilen und mit ihr plauschen. Wahrscheinlich wird aber noch ein bisschen Zeit ins Land gehen, bis dies tatsächlich möglich ist.

10. April 2013

Internet die 1. und: Action! (Vor 6 Wochen)

Nicht nur für die Kommunikation auch für die Arbeit ist das Internet für mich nicht mehr wegzudenken. Eine der ersten Aktionen hier in Sant Pol ist dann auch der Kauf eines mobilen Internetsticks, um die Zeit bis zum Festanschluss zu überbrücken. Laut meiner Maklerin sollte dies innerhalb eines Tages möglich sein. Dem traue ich nicht so ganz, also kaufe ich den Stick. Mit einem recht stolzen Tagespreis recherchiere ich mögliche Internetprovider und wähle einen aus. Schon bei den ersten Surfversuchen erkenne ich die Unzulänglichkeiten des Sticks: Langsame Geschwindigkeit und unbeständige Verbindungen. Aber ich habe meine Wahl des Providers schon getroffen, allzu lange sollte ich nicht mehr von dem Stick abhängig sein.

Internet die 2. und: Action! (Vor 5 1/2 Wochen)

Ein online-Abschluss für das Internet ist nicht möglich, mir fehlt meine Telefonnummer. Die erwähnte Maklerin ist nicht hilfreich. Erst Maria, die Besitzerin des kleinen Cafés in meiner Straße, klärt mich auf: »Du musst erst eine Nummer bei Telefónica beantragen, dann kannst du den Anbieter wechseln.« Das passiert in der Tat innerhalb von zwei Tagen. Ich bin nun stolze Besitzerin einer Festnetzleitung.

Das Telefonat mit dem Internetprovider meiner Wahl gestaltet sich trotz der Sprachschwierigkeiten als äußerst angenehm. Alvaro gibt sich große Mühe, nimmt meine Daten auf und enttäuscht mich erst, als ich ihm meinen gewünschten Tarif nenne. »Hm«, macht er, »die Leitungen in Sant Pol haben eine Höchstgeschwindigkeit von 6 MB. Du kannst also den günstigeren Tarif für 25 MB nicht in Anspruch nehmen, sondern musst den teureren 6 MB-Tarif nehmen.«

Mein Einwurf, dass es doch komisch wäre, für weniger mehr zu zahlen, beantwortet Alvaro mit einer mir aus Peking bekannten und sehr unbefriedigenden Antwort: »Tja, das ist halt so.« Der Anschluss sei aber ab Anfang nächster Woche verfügbar. Dennoch bitte ich um einen Tag Bedenkzeit.

Internet die 3. und: Action! (Einen Tag später)

Ich rufe den Internetprovider zweiter Wahl an, der ein günstigeres Angebot hat. Der Kundenberater hat wohl keine Lust auf einen Vertragsabschluss und weist etwas barsch darauf hin, dass die Internetanbindung erst frühestens in drei Wochen möglich sei. Sein Verhalten und die Angst, mich noch drei Wochen mit dem Stick abquälen zu müssen, macht die Entscheidung leicht.

Als Alvaro wie versprochen mittags zurückruft, schließe ich den Vertrag mit ihm ab. Ich muss noch einmal alle Daten übermitteln, was vor allem bei meiner Passnummer immer wieder zu Komplikationen führt, weil ich beschämenderweise das spanische Alphabet nicht beherrsche. Doch dann ist alles erledigt. Ich bekäme eine SMS am Tag vor der Installation, erklärt Alvaro. Anfang nächster Woche hätte ich Internet.

Internet die 4. und: Action! (Vor 5 Wochen)

Das Guthaben meines Sticks neigt sich dem Ende entgegen. Ich gehe in das kleine Fachgeschäft, wo ich ihn gekauft habe und lade 10 Euro auf. Das muss bis Anfang nächster Woche reichen. Am Nachmittag erhalte ich eine SMS: Ihr Auftrag ist aktiviert! Ich frage mich, ob der morgige Samstag als Werktag zählt und der Techniker dann vielleicht schon vorbeikommt. Ich halte mich auf jeden Fall bereit.

Internet die 5. und: Action! (Vor 4 1/2 Wochen)

Samstag war wohl kein Werktag, aber dafür bekam ich heute Post. Allerdings nicht, wie erhofft, das Modem für das Internet, sondern meine neue Mobiltelefonkarte. Immerhin!

Internet die 6. und: Action! (Vor 4 Wochen)

Es ist jetzt Mitte der Woche und nichts passiert. Es kam keine neue SMS, dass die Installation am nächsten Tag durchgeführt werde. Ich rufe also Alvaro an, so glaube ich, denn er hatte mir seine persönliche Durchwahl für Rückfragen gegeben. Angeblich. Es ist aber die Nummer der Hotline und ich muss der freundlichen Dame den Vorgang erneut erklären. Sie überprüft meine Daten und sagt: »Es läuft alles seinen Gang. Anfang nächster Woche müsste der Anschluss erfolgen.« Hm, eine Woche später als geplant.

Internet die 7. und: Action! (1 Tag später)

Ich gehe erneut in das kleine Fachgeschäft, um meinen Stick aufzuladen. Der Verkäufer grüßt mich mittlerweile wie einen guten Freund. »Wenn du 30 Euro auflädst, kannst du eine Flatrate für den ganzen Monat nutzen«, bietet er mir an. Ich lehne dankend ab, nächste Woche habe ich ja mein festes Internet, das wäre verschenktes Geld.

Internet die 8. und: Action! (Vor 3 Wochen)

Es ist Dienstag, keine SMS in Sicht, geschweige denn das Modem oder eine sonstige Mitteilung. Ich rufe die Hotline an. »Das Modem ist versandbereit«, will mich die Kundenberaterin aufheitern. Aber? »Die Umstellung seitens Telefónica nimmt noch etwas Zeit in Anspruch«, erklärt sie. Wie lange wird das noch dauern? Das sei schwer zu sagen, aber Anfang nächster Woche sollte es soweit sein. Anfang nächster Woche, ich kann diese Worte schon bald nicht mehr hören.

Ich gebe mich geschlagen und lade meinen Stick für das mobile Internet mit 30 Euro auf, um wenigstens einen günstigeren Tagestarif zu haben. Und vielleicht ist das ja so ähnlich wie mit der Zigarette an der Bushaltestelle: Sobald man sie anzündet, kommt der Bus.

Internet die 9. und: Action! (2 Tage später)

Wer sagt es denn: Eine SMS von dem Internetprovider meiner Wahl! Erleichtert öffne ich die Nachricht: Genießen Sie Kostenvorteile mit unserem Känguru-Tarif! Den Rest lese ich erst gar nicht und lösche enttäuscht die Nachricht. Zudem stelle ich fest, dass von meiner angeblichen Monatsflatrate noch immer die hohen täglichen Gebühren von meinem Guthaben abgezogen werden.

Der Verkäufer des Fachgeschäfts ist mittlerweile eher genervt von meinem ständigen Erscheinen, obwohl ich schon so viel Geld bei ihm gelassen habe. Als ich ihm mein Problem schildere, zuckt er die Schultern und bekennt: »Ich bin auch nicht sicher, wie das genau funktioniert. Komm heute Abend noch mal wieder, mein Kollege kennt sich damit besser aus.«

Der Kollege, der sich besser auskennt, ist auch am Abend nicht da. Keine Ahnung, wo er stecke, versuch es morgen noch mal, rät der Unwissende. Was bleibt mir anderes übrig?

Internet die 10. und: Action! (1 Tag später)

Der Fachverkäufer ist da und erklärt mir in einem Ton, als ob es doch das Selbstverständlichste der Welt sei, dass ich den Flatrate-Dienst telefonisch oder im Internet auch aktivieren müsse. Natürlich ist das Guthaben mittlerweile wieder weniger als 30 Euro, ich lade nach und rufe dann sofort die genannte Hotline an. »In ungefähr 30 Minuten ist Ihre Flatrate aktiviert«, freut sich die Dame, mir mitzuteilen. Ich habe eine Sorge und mehrere Rennereien weniger. Doch wo bleibt mein Modem?

Internet die 11. und: Action! (Vor 2 Wochen)

Die Nummer der Servicehotline kenne ich auswendig. Diesmal habe ich einen Herren, aber nicht Alvaro, an der Strippe. Nachdem ich etwas säuerlich meinen Unmut erklärt habe, dass ich ständig auf Anfang nächster Woche vertröstet werde, bemerkt der Kundenberater trocken und auch etwas barsch, dass ich mich erst nach vier Wochen beschweren könne, die seien aber noch nicht um.

In dem Versuch, die Wogen zu glätten, betone ich, wenn auch gelogen, dass ich mich nicht beschweren, sondern nach dem Stand der Dinge fragen wolle. Die Umstellung dauere immer vier Wochen, kommt knapp seine Antwort, und legt auf. Zum einen bin ich erfreut, endlich mal eine klare Aussage bekommen zu haben. Auf der anderen Seite steigt die Wut in mir hoch, dass mir das keiner am Anfang gesagt hatte. Ich hätte schon längst die günstigere Variante des Konkurrenten nutzen können… Und ich hätte mir die fünf neuen grauen Haare sparen können.

Internet die 12. und: Action! (Vor 1 Woche)

Ich habe fast die Sekunden gezählt, um heute, genau vier Wochen und ein Tag nach Vertragsabschluss, meine Beschwerde beim Internetprovider loszuwerden.

»Hallo, mein Name ist Inez, wie kann ich Ihnen heute weiterhelfen?«, begrüßt mich die liebenswürdige Stimme. Sie nimmt mir den stürmischen Wind aus meinen Segeln und freundlicher als geplant klage ich ihr mein Leid. »Oh«, höre ich, nachdem sie meine Angaben geprüft hat, »der Auftrag liegt ja schon eine Weile zurück.« Ich verkneife mir ein »Ach, was?!« und bejahe mitleiderregend. Ich höre sie wild auf ihre Tastatur hacken. »Ich habe die Beschwerde aufgenommen. Sie sollten…«, sag jetzt bloß nicht »Anfang nächster Woche«, denke ich, »…sehr zügig das Modem erhalten.« Ich bin jetzt schon gespannt, wie zügig zügig ist.

Internet die 13. und: Action! (Vor 2 Tagen)

Die SMS von meinem Provider lässt mein Herz nicht mehr höher schlagen. Mittlerweile kamen bestimmt schon sechs Werbe-SMS, die mich jedes Mal umsonst frohlocken ließen. Doch was darf ich lesen: Ihr Auftrag ist aktiviert! Das müsste bedeuten, dass morgen irgendwas passiert…

Internet die 14. und: Action! (Vor 1 Tag)

Das Modem ist da! Mit etwas Mühe und meinem Wörterbuch in der Hand installiere ich alles wie beschrieben. Das Telefon funktioniert noch. Die kleinen grünen Lämpchen des Modems blinken. Ich logge mich ein, konfiguriere nach Anleitung und: die von mir gewünschte Webseite öffnet sich! Ich kann es nicht glauben. Munter surfe ich drauf los, endlich!

Doch kurze Zeit später besteht angeblich keine Verbindung zum Internet mehr. Ich klicke hin und her, doch nichts passiert. Ich überprüfe die Konfigurationen. Alles wie gehabt, doch wieso, wieso, WIESO geht nichts mehr? In der Hoffnung, ein letztes Mal die Servicehotline anrufen zu müssen, drücke ich auf Wiederwahl. »Es kann durchaus sein, dass es bei der Umstellung von Telefónica auf uns am Anfang zu Störungen kommt«, wird mir erklärt. »Sollte das Problem innerhalb der nächsten 24 Stunden noch bestehen, melde dich noch mal.«

Internet die 15. und: Action! (Heute)

Es sind erst zwölf Stunden vergangen, dennoch öffne ich vorsichtig meinen Browser. Meine Startseite erscheint. Ich öffne alle meine Favoriten. Jede Seite wird problemlos angezeigt. Wenn auch nicht so schnell, wie ich es gewohnt bin. Aber was kann man bei einer Download-Geschwindigkeit von 6 MB auch erwarten?

Fast den ganzen Tag tauche ich im Internet unter, beantworte überfällige E-Mails und warte bei jedem Klick gespannt auf eine Fehlermeldung. Die bleibt aus. Kann es sein, dass ich jetzt tatsächlich Internet habe? Ja, ich habe tatsächlich Internet! Und: Cut!

15. April 2013

Sant Pol de Mar ist ein kleines Örtchen und zählt gerade ein wenig mehr als 5.000 Seelen. Trotzdem hat es viel zu bieten und vor allem alles, was für den täglichen Bedarf benötigt wird. Sowohl Bäckereien, mehrere kleine Lebensmittelmärkte als auch einen großen Supermarkt, Kneipen, Banken, Restaurants und, und, und.

Mein erstes Ziel war oft der Chinesische Basar in der kleinen Einkaufsstraße. Ich fand es urig, mit dem Besitzer aus Shanghai auf Chinesisch schnacken zu können. (Zumal ich doch lieber Spanisch lernen sollte.) Zudem sieht der Laden original wie die typischen Geschäfte in Peking aus: Schmale, enge Gänge, voll gestopft bis unter die Decke mit Waren jeder Art und alles ziemlich durcheinander. Selbst Herr Wang (Name ist geändert) muss immer erst suchen, bis er das gewünschte hervorgekramt hat.

© Anja Obst

Bloggerin mit Hund vor dem Chinesischen Basar | © Anja Obst

Die Urigkeit verlor jedoch schnell ihren Charme, als ich feststellte, dass es überall diese Basare gibt. Egal wie groß der Ort, mindestens ein Chinese hatte sich niedergelassen und bot jeglichen, Verzeihung, »Ramsch made in China« an.

In Mataró, der nächst größeren Stadt mit allen wichtigen Behörden, stolpere ich alleine auf dem kurzen Weg vom Bahnhof zum Ausländeramt über fünf chinesische Märkte. Ich möchte nicht wissen, wie viele noch in den anderen kleinen Straßen versteckt sind. Im März berichtete Die Welt, dass Spanien versuche, reiche Chinesen (und Russen) mit günstigen Immobilienangeboten samt einer Aufenthaltsgenehmigung inklusive ins Land zu locken. Ich habe aber das Gefühl, es gebe schon genug hier.

Herr Wang gehört scheinbar nicht zu den reichen Chinesen. Er erklärt mir, dass Spanien im Vergleich zu anderen EU-Ländern nicht so kompliziert in Sachen Visum sei, daher hätte er das Land ausgewählt. Und außerdem wäre das Wetter in Spanien besser. Seine Gründe leuchten mir ein. Für die lokalen Händler scheinen die Chinesen allerdings eine Plage zu sein. Viele Spanier mussten ihre Geschäfte aufgeben, weil die Chinesen sie preislich unterbieten. Auch gibt es öfter Berichte in den Medien über die Versuche der spanischen Polizei, gegen die chinesische Mafia anzukämpfen, die unter anderem mit solchen Läden Geld wäscht.

Nun, inwieweit Herr Wang da involviert ist, kann ich weder beurteilen, noch möchte ich es wissen. Er ist ein netter Mann mit einer netten Frau, schenkt mir jedes Mal etwas, was ihm grad zwischen die Finger kommt, wenn ich bei ihm einkaufe, und hilft mir, mein Chinesisch nicht ganz zu vergessen. Vielleicht frage ich aber doch mal nach, sollte unsere Bekanntschaft sich dafür ausreichend vertieft haben.

23. April 2013

Morgens, auf dem Weg zum Strand, fallen mir Verkaufstische im Ort auf. Rote Rosen auf dem einen, Bücher auf dem anderen. Ich mache mir eine mentale Notiz, auf dem Rückweg nach dem Sinn zu fragen. Natürlich vergesse ich das. Mentale Notizen sind seit längerem nicht mehr sehr zuverlässig.

Am Nachmittag, ich bin längst wieder zu Hause, treibt mich das rhythmische Geräusch von Trommeln auf den Balkon. Ich kann zwar den halben Ort überblicken, den Ursprung des Spektakels dennoch nicht ausmachen.

Ich ziehe los und werde schnell fündig. Vor dem Bahnhof steht eine ungefähr 10-köpfige Gruppe mit gelben T-Shirts auf dem Vorplatz und trommelt, was das Zeug hält. Herr Wang, der Chinese, bei dem ich die alltäglichen Kleinigkeiten einkaufe, sagt, heute wäre der spanische Valentinstag. Der Süßwaren-Verkäufer, bei dem ich schon so einige Sorten aus seinem Angebot durchprobiert habe, erklärt es genauer. »Heute ist der Tag des Heiligen Georgs, Sant Jordi, dem Schutzpatronen Kataloniens. Den feiern nur die Katalanen.« Der Stolz in seiner Stimme ist unüberhörbar. Männer kaufen langstielige rote Rosen für ihre Frauen. Diese wiederum schenken ihren Männern ein Buch. Und die Musik? Er zuckt die Schultern. »Keine Ahnung, die gehört eigentlich nicht dazu.« Warum die hier spielen, wisse er auch nicht.

»Sant Pol ist klein, in Barcelona ist heute die Hölle los«, behauptet er. »Der Valentinstag im Februar ist hier unwichtig«, fügt er noch hinzu.

Ich recherchiere noch etwas mehr und erfahre, dass es eher zufällig war, dass der Tag der Liebe (daher die Rose), welcher bis in das 15. Jahrhundert zurückgehen soll, mit dem Tag der Kultur (also des Buches) zusammenfällt. Der 23.4.1616 ist der Todestag des wohl bekanntesten, spanischen Schriftstellers, Miguel de Cervantes Saavedra. Aus seiner Feder stammt die Geschichte des gegen Windmühlen kämpfenden Don Quijotes.

Spanien erklärte 1926 diesen Tag zum Tag der Kultur. Dass auch der Namenstag des katalanischen Schutzpatrons auf diesen Tag fällt, ist, wie bereits erwähnt, Zufall. Aber so haben Männlein und Weiblein etwas davon. Sie eine Rose, er ein neues Buch. In Madrid gehen die Männer heute wahrscheinlich leer aus. Wie auch oft bei uns am Valentinstag.

3. Mai 2013

In Spanien gibt es natürlich Stecker, wie wir sie haben, dummerweise aber Steckdosen mit kleinen Steckern und mit dicken. Das heißt, mein Fön, hätte ich denn einen, passt in die Steckdose im Bad. Will ich aber meinen Heizlüfter anschließen, muss ich einen kleinen, im Fachhandel am Ort zu erstehenden Adapter einsetzen. Dann passt auch der klobige Heizlüfterstecker. Das stört mich nicht weiter.

Komplizierter und somit unschön und zudem sehr waghalsig wird es, wenn ich Gerätschaften an das Stromnetz bringen möchte, die ich aus Peking mitgebracht habe. Diese haben nämlich die zum Beispiel in Amerika üblichen Scheibenstecker oder einen ganz exklusiven Anschluss mit drei Stäben. In meinem Schlafzimmer gibt es aber nur Steckdosen für die kleinen Stecker.

© Anja Obst

© Anja Obst

Also stöpsele ich erst den hiesigen Adapter ein, dann folgt der China-Adapter, der natürlich zu den dicken Steckern zählt, und schließlich das von mir gewünschte Netzteil. Dabei kommen manchmal Längen von 15 Zentimetern horizontal in den Raum ragend zustande, die auf Gedeih und Verderb der Steckkraft des spanischen Adapters ausgeliefert sind. Manche Netzteile sind zudem recht schwer, wodurch die in der Luft hängende Konstruktion enorm von der Erdanziehungskraft beeinflusst wird. Steckt alles fest ineinander, sollte man es vermeiden, das zu benutzende Gerät unnötig zu bewegen, um kein Wackeln an der Steckdose und damit einen Funkenflug zu provozieren.

Im Wohnzimmer ist an meinem Arbeitsplatz nur eine Steckdose, an die ich einen chinesischen Mehrfachstecker anschließen musste, um Computer und Drucker nutzen zu können. Zwar konnte ich auf den spanischen Adapter verzichten, aber um meine Lampe mit deutschem Stecker anschließen zu können, musste ich in den chinesischen Adapter noch zusätzlich wieder einen Adapter vom chinesischen Stecksystem auf das Deutsche einstöpseln, damit der Lampenstecker auch passt. Dieses Konstrukt ist zwar etwas stabiler, aber von Ästhetik leider sehr weit entfernt.

20. Mai 2013

Die beginnende Wärme treibt nicht nur mich an den Strand. Mit jedem Grad mehr, häufen sich auch die Sonnenhungrigen. Die meisten von ihnen sind Nudisten. Ich bin in der Zeit aufgewachsen, als FKK seinen Boom erfuhr, insofern ist ihr Anblick nichts Ungewöhnliches. Ob ich in fortgeschrittenem Alter und im Adamskostüm Taiji auf der natürlichen Bühne eines vom Meer umspülten Felsens machen würde, bezweifele ich jedoch. Das sei jedem selbst überlassen.

Was ich dagegen als nicht so angenehm empfinde, sind zwei Kleinigkeiten: Dass ein Nudist mit stolz empor gestreckter Männlichkeit an mir vorbei geht, könnte ich ja noch als Kompliment ansehen. Seine Spielereien an eben dieser vor meinen Augen finde ich dann doch etwas unpassend.

Wäre es nur einer, drückte ich ein Auge zu, wahrscheinlicher noch alle beide und das im wahrsten Sinne des Wortes. Doch bei dem dritten dabei an mir vorbeischlendernden Exemplar ist auch meine Toleranz überfordert, zumal ich mich selbst kaum noch traue, ein Kleidungsstück abzulegen. Geschweige denn, der Freikörperkultur zu frönen.

Des Weiteren scheint der gemeine Spanier ja ein Herdentier zu sein, er sucht die Nähe von anderen. Und so passiert es nun auch, dass ich innerhalb kurzer Zeit auf dem Kilometer langen, leeren Strand nach und nach von vor allem männlichen Strandgästen umzingelt werde. Sie breiten ihre Badetücher im Abstand von wenigen Metern aus, grüßen freundlich und lassen sich noch nicht mal von meinem Wachhund vertreiben, der jedes Fleckchen, auf dem ich mich zur Rast niederlasse, als sein Revier ansieht und es entsprechend verteidigt. Auch der textilfreie ältere Herr, der, vor mir stehend, aber wenigstens nicht an sich spielend, ein Gespräch sucht, wendet sich erst ab, als ich meine zuerst durch die Blume angedeutete Abneigung direkter formuliere.

Als ich dann aus den Augenwinkeln auf allen Badetüchern zur Körpermitte wandernde Hände beobachten muss, beschließe ich, dass zu viel Sonne nicht gesund ist. Zwei Felswände weiter treffe ich aber auf vor allem weibliche Nudisten. Vielleicht bin ich ja unbewusst in das Revier der Männer eingedrungen und es gibt getrennte Abschnitte wie in der Sauna? Auf jeden Fall fühle ich mich gleich wohler, erinnere mich daran, Sonnenschutz aufgetragen zu haben, und kann doch noch entspannt die wärmende Sonne genießen.

31. Mai 2013

Nach und nach fallen mir immer wieder Kleinigkeiten auf, die ich heute mal gerne auflisten möchte. Über deren Kuriosität darf gerne gestritten werden.

  • Die viel gerühmte siesta, die lange Mittagspause also, gibt es tatsächlich. Zwischen 14 und 17 Uhr haben, wenn überhaupt, nur die Restaurants Hochkonjunktur. Ich bin verwöhnt ob der langen Jahre in Peking, wo die Läden so gut wie nie geschlossen sind. Und noch immer vergesse ich die siesta, weshalb ich oft genug vor verschlossenen Türen stehe.
  • Die Betten in Spanien sind kleiner als in Deutschland, obwohl es auch hier große Menschen gibt. Das Standardmaß scheint aber 135 mal 190 Zentimeter zu sein. Ich bin kein Riese, trotzdem baumeln meine Füße nachts meistens über das Matratzenende.
  • Beim Bäcker kann man neben Baguette und Kuchen auch Pizza kaufen. Diese wird nicht mit dem Messer in die gewünschte Größe geteilt, sondern mit einer Schere.
  • Apropos Baguette: Es gibt viele verschiedene Sorten des Stangenbrots, die sich im Preis und Form allerdings nur unwesentlich unterscheiden. Da ich die Auflistung der Unterschiede meiner Bäckerin nicht verstanden hatte, probierte ich einfach mal alle aus. Und noch immer verstehe ich die Unterschiede nicht…
  • Das Leitungswasser ist so stark chloriert, dass ich mich immer an ein Schwimmbad erinnert fühle, wenn ich dusche.
  • Die Spanier halten scheinbar noch gerne an ihrem Peso fest, selbst nach über zehn Jahren Euro. Die Preise in der Werbewurfsendung von Alcampo, einem spanischen Discounter, sind stets auch in Peseten angegeben.
  • Alle Lichtschalter in meiner Wohnung sind auf Kniehöhe. Ob das mit den zu kurzen Betten und somit der angeblichen Kleinwüchsigkeit der Spanier zusammenhängt?
  • In den meisten Küchenschränken gibt es äußerst praktische Tellerhalter, die unten offen sind. Frisch gespülte Teller können dort getrost abtropfen und sind gleichzeitig schon wieder im Schrank einsortiert.
  • Die chinesischen Basare machen ihrer Kopierleidenschaft auch in Spanien alle Ehre. Ein just eröffnetes Geschäft im Nachbarort Calella nennt sich Mercat Cafhu. Das französische Original, Carrefour, hat nur wenige Orte weiter eine seiner vielzähligen Filialen.

23. Juni 2013

Während die Nachbarorte Calella und Lloret de Mar noch verschlafen auf Touristen gewartet hatten, trumpfte Sant Pol schon mit einigen Festivals auf: So gab es das Käsefestival, ein mehrtägiges Jazz-Festival sowie einen Antikmarkt. Jetzt im Sommer allerdings konkurriert jeder Ort erbittert mit Aktivitäten unterschiedlichster Art. Heute jedoch feiern alle gemeinsam. Es ist der Tag der Sommersonnenwende, Sant Joan. Die kürzeste Nacht des Jahres wird dabei zum Tag gemacht.

Das Fest ähnelt ein wenig unserem Silvester. Familien und Freunde treffen sich zum Essen und feiern. Geknallt wird ebenfalls wie der Teufel, wodurch ich wieder an Peking und das Frühlingsfest dort erinnert werde, was immer tagelang die Stadt in eine Kriegskulisse verwandelt.

Auch hier gibt es keine Anfangszeit für das Feuerwerk. Alle knallen munter drauf los, wann und wo es ihnen passt. Aber wenigstens nur für einen Tag.

Eine Hauptattraktion ist außerdem das große Lagerfeuer am Hafen, welches der Sonne Kraft auf ihrem Weg zur Wintersonnenwende geben soll. Daher wird Sant Joan auch Nit del Foc genannt, Nacht des Feuers.

Ein weiterer Name ist Nit de les Bruixes, Nacht der Hexen. Einer Sage nach kamen an diesem Tag alle Hexen und Druiden zusammen, um ihre magischen Kräfte zu stärken.

Die Feiernden heutzutage stärken sich auch, und zwar mit Coca de Sant Joan. Das ist ein traditionelles Gebäck für jeden Geschmack: Sowohl süß, mit Creme, Pinienkernen, Kürbis oder Schokolade gefüllt, als auch herzhaft, bei denen man eventuell einen mit Schweineschwarte erwischen könnte.

Der Legende nach ist diese Nacht auch die einzige des Jahres, in der der Engel der Liebe erscheint und seine Pfeile abschießt. Kein Wunder, dass sich alle ununterbrochen bis zum Morgen auf den Straßen tummeln! Das hat natürlich auch einen negativen Effekt. Einbrecher tummeln sich nämlich derweil in den desertierten Wohnungen.

Ich komme zum Glück glimpflich davon. Ein Versuch, meine Wohnungstür zu öffnen, bleibt erfolglos. Und auch der Besucher auf dem Balkon sucht schnell das Weite, als er feststellt, dass ich gar nicht mehr als Zielscheibe für die Liebespfeile unterwegs bin. Vielleicht ist es aber Amor persönlich vor der Terrassentür gewesen, den ich somit erfolgreich verjagt hätte.

28. Juli 2013

Jeder Ort an der Costa Maresme hat im Sommer seine Fiesta Mayor oder wie die Katalanen sagen: Festa Major. Der Beginn der Festivitäten richten sich nach dem jeweiligen Namenstag des Schutzpatrons eines Ortes. Seit einer Woche kündigt der fortschreitende Aufbau eines Festzeltes direkt am Strand die kommende Festa Major in Sant Pol an. Dennoch werden mein Besuch aus Deutschland und ich ein wenig überrascht, als am Donnerstagabend kurz nach 22 Uhr der Himmel von einem Feuerwerk erleuchtet wird. Wir verpassen nichts, denn von meinem Balkon aus haben wir einen perfekten Blick auf das halbstündige Spektakel.

Mein Festtagsprogramm aus dem Internet hatte jedoch das Eröffnungsfeuerwerk verschwiegen. Wie auch den Teil, dessen Beginn wir am nächsten Abend, erneut auf dem Balkon sitzend, von oben beobachten dürfen. Zuerst hören wir nur ein seichtes Knallen, was mich zu der Vermutung anregt, dass auch im Nachbarort die Festa Major seinen Anfang genommen hat. Doch dann kommen Trommelklänge und Lichtblitze zwischen den Dächern hervor. In der Wohnung hält uns nichts mehr.

© Anja Obst

© Anja Obst

An der Ecke zur Hauptstraße des Ortes drängen sich die Menschen. Wir schauen um die Ecke und sehen nur noch schreiende Menschen auf uns zu rennen. Sie werden von schwarzen und roten Teufeln gejagt, die drohend mit langen Stangen wedeln, an denen Feuerwerkskörper rotieren. Wir sind mitten im correfoc gelandet, dem Feuerlauf. Die Teufel verharren an der Straßenkreuzung, tanzen zu dem rhythmischen Getrommel, um dann wieder die Jagd auf die Zuschauer aufzunehmen. Diesmal laufen auch wir kreischend davon.

Der Zug bewegt sich durch den Ort und hält kurz an einer mit Feuerwerkskörpern behängten Brücke. Weiß sprühen die Funken auf die tanzenden Teufel, bevor sie sich zu ihrem Endpunkt, einem kleinen Park, bewegen. Erst dort fällt mir auf, dass die Trommeln wie der Refrain von dem bekannten Queen-Song »Another one bites the dust« klingen. Am Rand stehen Helfer mit Einkaufswagen, in denen Nachschub für das Feuerwerk in Funken sicheren Kästen liegt. Langsam verzieht sich der Rauch, die Trommeln verstummen. Der Feuerlauf ist beendet.

Später, wie auch am Abend vorher, treffen sich alle in dem Festzelt am Strand, wo verschiedene Bands die größten Hits der 80er und 90er Jahre auf Spanisch nachspielen. Dass die Spaniern einen anderen Tagesrhythmus haben, wird mir am Samstagabend wieder bewusst, als ich schon etwas früher mit meinem Bruder Torsten zum Festzelt gehe. Es ist Mitternacht und fast leer.

Da die Band allerdings Salsa spielt, bleiben wir davor sitzen. Als wir zwei Stunden später gehen, füllt sich langsam das Zelt.

6. August 2013

Ein buntes Plakat an einer Hauswand erregt mein Interesse. Flamenco steht in großen Lettern oben, ganz unten im Kleingedruckten der Ort und die Zeit.

Obwohl ich am nächsten Morgen früh aufstehen muss, gehe ich kurz nach zehn Uhr abends in den Parc de Litoral und höre schon von weitem: Nichts. An dem Kiosk, der nur im Sommer geöffnet ist, steht eine kleine Bühne. Einige Gäste haben sich schon eingefunden. Im Datum scheine ich mich nicht geirrt zu haben.

»Anni!«, höre ich jemanden rufen. »Anni!« Es ist Maria, die Besitzerin des Cafés in meiner Straße. Obwohl mein Name kein Zungenbrecher für die Spanier sein sollte, fällt es vielen schwer, ihn richtig auszusprechen. Mittlerweile bin ich an einige Varianten gewöhnt und reagiere automatisch, wenn auch nur bei mir bekannten Stimmen. »Na, willst du auch das Konzert anhören?«, fragt Maria. Als ich bejahe, sagt sie: »Das fängt erst um elf an. Du weißt doch, in Spanien beginnt alles spät.« Ja, sehr zum Leidwesen aller Frühaufsteher.

Ich harre aber aus und beobachte das Publikum. Es scheinen fast nur Einheimische anwesend zu sein. Kaum Touristen. Dafür aber viele Kinder, einige unter fünf Jahren, die munter herum springen, oder noch nicht einmal ihrem Kinderwagen entwachsen sind. Auch in Restaurants ist es kein ungewöhnliches Bild, um Mitternacht noch Kinder ihren Nachtisch löffeln zu sehen. Und wenn dann eines der Kinder quengelt, dann nicht wegen Müdigkeit, sondern im Zweifel, weil es statt der Karamellcreme doch lieber ein Eis möchte.

Als es kurz nach elf losgeht, treffen immer mehr Zuhörer zu dem kostenlosen Musikgenuss ein. Ein paar Kinder tanzen, wenn auch keinen Flamenco, Paare wiegen sich auf dem kühlen Gras, der Kiosk macht ein gutes Geschäft. Meine Erwartungen von einem flotten Tänzchen mit rotem Rüschenrock werden leider nicht erfüllt. Die Musik hört sich eher ein wenig wie Fado an, dem traurigen Freund des Chansons aus Portugal. Aber dennoch oder gerade deswegen ergreift sie mich. Ich bleibe länger als geplant, gehe aber, bevor ich quengelig werde, schnell nach Hause.

17. August 2013

Das nächste Festival steht vor der Tür: die Fira Alternativa. Ich hatte schon gehört, dass es sich dabei um ein Open-Air-Konzert handeln soll und bin entsprechend erfreut.

Im Parc de Litoral stehen Verkaufsstände mit Wurst- und Käsespezialitäten der Region, ein Bäcker bietet frisches Brot aus dem aufgestellten Ofen an, Pizza- und Cocktailverkäufer sorgen für das leibliche Wohl und natürlich gibt es auch Souvenirs für jeden Geschmack.

Etwas abseits des Spektakels stehen offene Zelte, in denen Massagen angeboten werden, sowie holistische Untersuchungen und Behandlungen, um Körper und Geist in Einklang zu bringen. Die große Bühne verspricht ein Klangerlebnis vom Feinsten.

So sitze ich dann am ersten Abend des Festivals mit einer Bekannten aus Tschechien erwartungsfroh im Gras, um uns herum tollen Kinder und Hunde, das Publikum ist im Gegensatz zu dem Flamenco-Abend und passend zum Festival eher alternativ.

Ein Duo macht den Anfang und wir hören eine Art Sprechgesang mit gelegentlichen Gitarreneinsätzen. Letztere laden zum Mitwippen ein, der Sprechgesang ist leider sehr langweilig. Zum einen verstehen wir kaum ein Wort, da der Interpret katalanisch redet – dennoch kriegen wir mit, dass der Text politisch ist. Zum anderen dauert der monotone Monolog auch immer viel länger als die Musikeinlage seines Partners, die ja wenigstens noch mit einem bisschen Spaßpotential aufwarten kann.

Auch die folgende Darbietung reißt uns nicht vom Hocker, eine Sängerin gibt Lieder zum Besten, die an Hannes Wader oder Konstantin Wecker erinnern. Wir gehen davon aus, dass die Texte erneut politisch motiviert sind, wir verstehen natürlich wieder kaum ein Wort, und beschließen, dem Festival morgen noch einmal eine Chance zu geben.

Am Samstag beginnt dann tatsächlich eine mehrköpfige Band zu spielen, an der wir aber auch wieder etwas auszusetzen haben. Es ist nämlich eine Cover-Band, die bekannte Klassiker des Rocks auf Englisch darbieten.

Glücklicherweise haben sie nur eine halbe Stunde veranschlagt bekommen und so erscheint der nächste Interpret schneller als erwartet. Beim Aufbau eines Laptops und einer Leinwand erwarten wir schon nichts Gutes mehr und tippen auf elektronische Musik. Ich hoffe jedoch noch, dass diese sich an die Gruppe Kraftwerk anlehnt.

Weit gefehlt, denn was nun folgt ist ein Vortrag, wer hätte es gedacht, auf Katalanisch über politische Ungerechtigkeiten, untermalt mit diversen verstörenden Filmchen, die über die Leinwand flackern. Auch an diesem Abend verlassen wir relativ früh den Park.

Hätte ich vorher mit meiner Bekannten Neus gesprochen, wäre meine Vorstellung des Festivals ganz anders gewesen. Sie erklärt nämlich tags darauf, mit Begeisterung, dass die Fira Alternativa immer ein spannendes Ereignis sei, bei dem vor allem politische Meinungen vorgetragen werden. Sie rege zu Diskussionen an und biete die Gelegenheit, sich zu engagieren. Das nächste Festival besuche ich besser ohne eine bestimmte Erwartungshaltung.

1. September 2013

Wöchentlich sind in Sant Pol Festivals und Märkte. Das nächste verpasse ich: Das Fischer Festival. Ich erwische am Sonntagabend noch ein paar Stände, an denen zwar keine Fische, aber dafür vor allem maritimes Kunsthandwerk feil geboten wird.

Doch es kündigen sich schon wieder neue Aufbauten an. Ein Bekannter, den ich treffe, erzählt, dass ein Triathlon stattfinde. Nun, als jemand, der nicht wirklich viel von Sport hält, ignoriere ich diese Information. Jedes Wochenende rasen Horden von Rennradfahrern die hügelige Küstenstraße entlang, alle fesch in hautengen, bunten und olympiawürdigen Trikots. Das zu beobachten reicht mir völlig. Für den Triathlon stehe ich nicht an einem Sonntag um acht Uhr morgens auf.

Trotzdem erreiche ich ungewollt pünktlich den Strand, als die erste Schwimmer das Land erreichen und triefend zu ihren Fahrrädern laufen. Nun packt es mich doch und ich harre aus, bis auch der letzte aus dem Wasser krabbelt. Auch allein schon, weil der Arme von nur noch wenigen Umstehenden begrüßt und angespornt wird. Hinter mir radeln schon die ersten wieder los und verschwinden aus meinem Blickfeld.

Ich setze meine Runde mit dem Hund fort und kann es kaum glauben, als ich auf dem Rückweg wieder unbeabsichtigt in die Rennstrecke gerate. Verschwitzt und hochrot im Gesicht absolvieren die Triathleten ihre letzte Disziplin: Laufen.

Der Weg zum Ziel im Parc de Litoral liegt parallel zum Strandweg. 750 Meter Schwimmen sowie 20 Kilometer radeln haben die Sportler bereits hinter sich. Sie befinden sich nun auf den letzten Metern der fünf Kilometer langen Laufstrecke.

Es ist nicht der erste Triathlon, den ich hier sehe und ich bin neugierig. Auf der Webseite des Organisators sind alle bisherigen Wettbewerbe gelistet. Insgesamt wurden in diesem Jahr allein von diesem Verein in Katalonien schon 65 dieser Mehrkämpfe ausgetragen. Der 66. läuft derzeit an mir vorbei.

Erneut bleibe ich stehen und schaue den wetteifernden Männern hinterher. Nach den ständigen Strandbegegnungen dickbäuchiger und obendrein textilfreier Herren, gönne ich mir gerne den Anblick junger, durchtrainierter Körper. Mit Sportbegeisterung hat mein Verweilen also nichts zu tun. Nur mit ausgleichender Gerechtigkeit.

11. September 2013

In vielen Teilen der Welt wird der 11. September mit dem Terroranschlag auf das World Trade Center verbunden. Umso erstaunter bin ich, als ich einmal an der Straße des 11. Septembers vorbei laufe. Die hat aber ihre Berechtigung: Der 11. September ist der Nationaltag Kataloniens, kurz La Diada (von La Diada Nacional de Catalunya) genannt. Am 11. September 1714 wurde Barcelona von den Truppen des spanischen Königs Philipp V. nach einer 14-monatigen Belagerung eingenommen. 1980 ernannte das katalanische Parlament diesen Tag zum Nationalfeiertag.

Einfach nur einen freien Tag zu genießen, reicht den Katalanen aber nicht. Hunderttausende folgen einem Appell der ANC (die separatistische Initiative Katalanische Nationalversammlung), welche sich für die Unabhängigkeit Kataloniens einsetzt und nach eigenen Angaben damit die Mehrheit aller Katalanen vertritt. Die ANC ruft nun für heute auf, eine Menschenkette, die Via Catalana, zu bilden und damit für die Unabhängigkeit Kataloniens zu demonstrieren.

Von den Pyrenäen bis zur Nachbarprovinz Valencia, über 400 Kilometer lang, erstreckt sich die Kette gelb gekleideter Menschen. Viele schwenken die Flagge Kataloniens, die senyera (rote Streifen auf gelbem Grund), oder hüllen sich in die estelada, die Flagge der Katalanischen Nationalisten (zu den Streifen kommt noch ein blaues Dreieck mit einem weißen Stern dazu). Um 17 Uhr 14 (stellvertretend für das Jahr) dann der Höhepunkt: Kirchenglocken läuten und alle halten sich an den Händen.

Nun, ob es wirklich alle waren, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich habe ja nur einen kurzen Abschnitt der Kette erfassen können. Das Engagement der Leute für ein unabhängiges Katalonien ist auf jeden Fall beeindruckend.

Und durch die gelben T-Shirts sehr offensichtlich. Dabei scheint es aber egal zu sein, ob ein lokalpatriotischer Spruch wie fem via! (»Wir folgen!«) das T-Shirt schmückt oder eine Bierwerbung. Hauptsache gelb. Aus jedem Auto wehen die katalanischen Flaggen. Und die Balkone, die bislang nur Blumentöpfe beherbergten, sind nun auch beflaggt.

Erstaunlicherweise hätte dieses Spektakel unbemerkt an einem vorüber gehen können. Keine Plakate wiesen vorab darauf hin. Es gibt keine Stände oder Podiumsdiskussionen. Nirgendwo steht eine eigens errichtete Bude mit gezapftem Bier und Musik. Und keinen regelmäßigen Leser wird es überraschen, wenn ich nun gestehe, dass auch ich wieder mal nur zufällig da hinein gestolpert bin, als ich neugierig den gelben Menschen folgte…

23. September 2013

Als ich noch in Peking lebte, hatte ich die Bundestagswahl meistens mit vielen Deutschen in der Deutschen Botschaft verfolgt, die dafür eigens ein riesiges Event veranstaltete. Das war für mich vor allem immer eine gute Möglichkeit, Bekannte zu treffen, die ich lange nicht gesehen hatte, und mich an dem üppigen Büffet mit deutschen Spezialitäten zu laben.

So viel zu meinem politischen Interesse. Nichtsdestotrotz war natürlich der Wahlausgang immer der Höhepunkt. Bei der gestrigen Wahl gab es für mich nur einen Höhepunkt: Das Endergebnis.

Dazu heute ein paar Kommentare aus der spanischen Presse und der spanischen Bevölkerung:

Große Zeitungen wie El País und La Vanguardia sprechen den Deutschen die Abenteuerlust ab. La Vanguardia sieht den Grund für Merkels Sieg in der derzeitigen guten Wirtschaftslage sowie einem schwachen Gegner (Steinbrück sowie die SPD generell), der nicht glaubwürdig sei. El País schreibt, dass die Deutschen kein Risiko eingehen wollten und lieber auf der sicheren Seite blieben.

Die linksliberale Tageszeitung El Periódico de Catalunya hofft, dass Merkel wieder entschlussfreudiger werde, nun da sie die Wahl gewonnen habe. Es bliebe nur ungewiss, in welche Richtung ihre Entscheidungen am Ende gehen werden. El Mundo bezeichnet den Triumph als historisch und führt ihn ebenfalls auf den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands zurück. Sie nennt Merkel die »Mutter Deutschlands«.

Die Leserkommentare reduzieren sich meist auf ein paar prägnante Worte. Einer bezeichnet Merkel als Neonazi, ein anderer schreibt, dass in einem demokratischen Land die Amtszeiten des Kanzlers auf zwei beschränkt werden müssten. Der nächste glaubt, dass dieses Ergebnis den anderen Ländern in Europa Angst einjagen werde, ein weiterer ruft zum Boykott Nordeuropas auf.

Aber es gibt auch positive Stimmen. So schreibt eine Leserin, dass Merkel Verantwortung übernehme und nicht vorhabe, die Schulden ihren Enkeln zu überlassen. Dies sei aber nicht auf die spanische Mentalität übertragbar, da gebe es nur cantamañas und vendecuentos.

Diese beiden Ausdrücke finde ich so interessant, dass ich von den übrigen Kommentaren ablasse (so viel erneut zu meinem politischen Interesse) und mich nur noch damit beschäftige, die Bedeutungen herauszufinden.

Cantamañas (wörtlich: »Morgen!«-Rufer) beruhen daraufhin sogar auf einer alten Überlieferung, und bezeichnen einen Drückeberger, der alles auf morgen verschiebt. Vendecuentos dagegen konnte ich nirgendwo finden. Frei übersetzt sind es Geschichtenverkäufer. Ob es dabei um Lügner geht oder gewiefte Händler, kann ich leider nicht sagen. Vielleicht finde ich es noch heraus.

6. Oktober 2013

Freunde an Urlaubsorten zu haben, ist eine feine Sache. Das finden auch meine Freunde. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen bei mir, was ich sehr genieße. Heute Abend wird ein erneutes Gehen begossen, morgen fliegt mein dreiköpfiger Besuch wieder nach Deutschland. Mein Bruder Torsten kommt auch auf einen Abschiedsbecher vorbei und wir unterhalten uns über Spanien und seine Besonderheiten. Irgendwie kommen wir auf das Thema »Auto abschleppen«.

»Ich habe vorhin vor einer Baustelleneinfahrt geparkt«, bemerkt Adam (Name aus Peinlichkeitsgründen geändert), »da wird ja wohl am Wochenende keiner raufwollen.«

Eva (auch dieser Name ist geändert) runzelt die Stirn. »Geh lieber noch mal gucken, nicht dass wir morgen früh noch das Auto suchen müssen.« Lachend macht sich Adam auf den Weg und kommt kreidebleich zurück. »Das Auto ist weg!«

Torsten, der mit mehr Spanienerlebnissen aufwarten kann als ich, weiß Rat: Wir müssen zur Policia Local, es sollte ganz einfach sein, das Auto wiederzubekommen. Als wir mitten in der Nacht noch nicht einmal die Eingangstür zur Polizei finden und irrtümlich in das Museum stolpern, zweifele ich an seinen Worten.

Zurück auf dem Museumsvorplatz treffen wir zwei Polizisten, die uns zur richtigen Tür weisen. Per Funk melden sie uns an: »Da kommen die mit dem gual.« Wir scheinen die einzigen heute Abend mit einem gual zu sein. Gual ist katalanisch und steht meist in Verbindung mit permanente auf blauen, rot umrandeten Schildern. Auf Spanisch müsste dort vado stehen, dessen Bedeutung mir bislang auch noch nicht bekannt war, wobei das Schild aber auch für Nichtsprachler recht eindeutig ist: Halteverbot.

Freundlich erklärt der uns erwartende Polizist, dass das Parken im Halteverbot ein schwerwiegendes Delikt sei und mit einer Strafe von 200 Euro geahndet werde. Adam und Eva schlucken. Dazu käme noch ein Hunderter mehr an die Autovermietung für die Anzeige, fährt er fort. »Wenn ihr gleich bezahlt, bekommt ihr einen Rabatt von 100 Euro«, tröstet er uns. Auch die 100 Euro an die Autovermietung könnten sie erst direkt dort zahlen, wenn sie das Auto abgeben. Adam und Eva entscheiden sich für die Ratenzahlung und legen 100 Euro auf den Tisch.

Mit einem Durchschlag der Empfangsquittung schickt er uns zum Supermarkt. Angeblich soll al lado, also nebenan, der Abstellplatz sein. Dort ist nur eine Tiefgarage. Al frente, gegenüber, treffen wir allerdings auf zwei herannahende Polizisten. Mit dem Scheidebecher im Blut erwarten wir noch eine Anzeige wegen betrunkenen Fahrens, doch dieser Krug geht glücklicherweise an uns vorbei. Dennoch hatte Torsten Recht gehabt: Selbst am Sonntagabend kann man in Spanien problemlos sein Auto wieder auslösen.

1. November 2013

»Heute ist der 31. Oktober«, begrüßt mich Neus, als wir uns zum gemeinsamen Spaziergang treffen. »Aber nenn den Tag bloß nicht Halloween!« Dass die gruselig verkleideten Kinder am Abend auch von Tür zu Tür laufen, hätten sie sich aus Amerika abgeguckt. »Aber«, erklärt Neus, »der Abend vor dem 1. November ist ein traditionelles Fest in Katalonien.«

Der 1. November ist der Tag der Todos los Santos, Allerheiligen. Die Menschen gehen zum Friedhof und gedenken der Toten. Einer Überlieferung nach wurde der Abend vorher zusammen verbracht, um Glocken zur Erinnerung an die Verstorbenen zu läuten. Da dies eine harte Aufgabe war, die viel Energie kostete, aßen sie die ganze Nacht lang Kastanien und Süßkartoffeln. Daher auch der Name für das katalanische Halloween: Castañada.

Der Brauch hat sich bis heute gehalten. Überall werden Kastanien und Süßkartoffeln angeboten und gegessen. Noch wichtiger aber sind die panellets, runde Mandelbällchen, die zum Nachtisch und mit einem süßen Wein, dem Moscatell, verzehrt werden. Die traditionellen, in Pinienkernen gewälzten panellets sind mittlerweile variiert worden und man bekommt sie mit Schokolade und Kokos oder mit Cocktailkirschen und Quittengeleefüllung. Und sie schmecken großartig! Sie zergehen wie Butter auf der Zunge.

Auch ein Pendant zum Läuten der Glocken wird dargeboten. Auf dem Bahnhofsvorplatz spielt eine Band, um die kleine Hexen, Magier und Geister herumtoben, während die Erwachsenen sich ein panellet nach dem anderen einverleiben, gut nachgespült mit Moscatell. Die Musik mit viel Getrommel ist bis in die frühen Morgenstunden zu hören. Sagt mir Neus einen Tag später. Ich habe das Ende trotz des vollen panellet-Bauches nämlich nicht mehr mitbekommen und stattdessen schon in süßen Träumen geschwelgt.

7. November 2013

Erfahrungen, auf die man gerne verzichtet, haben im Ausland wenigstens noch das Attribut des Unbekannten und können somit spannend sein. Wie Arztbesuche. Zwar gehe ich brav zu Vorsorgeuntersuchungen, aber ansonsten meide ich Praxen und Krankenhäuser.

Als ich am Anfang des Sommers allerdings einen Schmerz in der Schulter verspüre, der mich sehr an meinen Bandenscheibenvorfall vor einigen Jahren erinnert, warte ich nicht lange.

Einblick in ein spanisches Krankenhaus in Calella | © Anja Obst

Einblick in ein spanisches Krankenhaus in Calella | © Anja Obst

Bei mir in der Straße ist ein kleines Ärztezentrum, was einen ganz passablen Eindruck macht. Das suche ich auf. Der Arzt zerstreut meine Sorge eines erneuten Bandscheibenvorfalls, in dem er etwas an meinem Kopf herumdrückt und mir am Arm zieht. Doch für mehr als die Verschreibung von Schmerztabletten reichen die drei Minuten Konsultationszeit, die er mir gönnt, nicht.

Die Schmerztabletten helfen nicht. Das Muskelrelaxans, erfahre ich Wochen später, aber nicht von dem Arzt, macht abhängig. Allerdings gehe ich mit Tabletten ohnehin um wie mit Arztbesuchen: Je weniger desto besser.

Meine Bekannte Neus empfiehlt mir Eduardo, einen Physiologen. Seine Behandlung entspricht auch genau meinem Gusto: Körper, Geist und Seele sind eine Einheit. Also knetet Eduardo nicht nur meine verkrampften Muskeln, renkt die Hüfte ein und dreht den ganzen Körper in eine Spirale, er spürt auch, wie er sagt, meine Energie. Diese sei sehr positiv, (immerhin, denke ich,) jedoch gebe es ein Problem, welches sich in meiner rechten, schmerzenden Seite manifestiert.

Unheimlicherweise trifft er mit dem mir natürlich bekanntem Problem genau ins Schwarze. Allerdings habe ich dieses in dreißig Jahren noch nicht lösen können. Die Schmerzen sind leider mittlerweile so stark, dass ich befürchte, sie keine Woche länger auszuhalten, geschweige denn, sie erst durch eine langwierige Psychoanalyse auszumerzen. Eduardos Behandlung bringt leider auch keine Besserung.

Es beginnt eine Phase der Selbstmedikation mit Salben, Yoga, Pasten, Meditation, Reiki und in meiner Verzweiflung auch die ein oder andere Schmerztablette. Einiges davon wird mir von Bekannten hier empfohlen oder dargereicht, die mitleidig mein Wehklagen ertragen müssen. Alles erfolglos. Und es tut mir jedes Mal erneut leid, von den Misserfolgen zu berichten.

Auch ein zweiter Besuch bei Eduardo bringt keinen Durchbruch. Er bittet um ein Röntgenbild meines Rückens. Das muss ich im Nachbarort Calella machen und das Krankenhaus dort ist definitiv eine Reise wert. Am Eingang steht schon ein deutsches Pärchen. Klaus, wie ich ungewollt mitbekomme, befürchtet, sich Krätze zu holen. Ich kann ihn nicht verstehen, aber er war wohl noch nie in einem chinesischen Krankenhaus.

Nach der Anmeldung erfolgt eine zweite detaillierte Registrierung in einem Privatraum, in dem das medizinische Problem eingegrenzt wird. Dann heißt es wieder warten. Trotz der vielen Leute im Warteraum geht es recht schnell, ich werde in einen verwinkelten Saal geführt. Das Dekor ist in Hornhaut-Umbra gehalten, die Decken sind erdrückend niedrig, das Wort Privatsphäre hat hier auch noch niemand gehört. Patienten liegen mit nichts verbergenden Kitteln auf Bahren mitten im Gang. Die einzelnen Untersuchungsecken könnte man mit einem halbhohen Vorhang schließen. Wie gesagt: könnte man.

Ich bin an einen Arztbesuch in Peking erinnert, bei dem neben fünf Patienten auch noch jeweils drei Angehörige mit im Behandlungszimmer waren. Wie froh ich damals war, kein Furunkel am Allerwertesten gehabt zu haben!

Ich erläutere meinem irgendwann erscheinenden zuständigen Arzt das Problem und äußere den Wunsch nach einem Röntgenbild, woraus er scheinbar schließt, dass ich ja schon in guten medizinischen Händen sei und keinerlei weiterer Diagnostik bedürfe. Wir führen ein Gespräch mit insgesamt vier Sätzen, von denen einer lautet: »Warte hier, gleich holt dich jemand zum Röntgen.« Meine Enttäuschung über das fehlende Engagement kann er in meinem schmerzverzerrtem Gesicht wohl nicht erkennen. Ich selbst fühle mich nach Wochen des Leidens unfähig, aufzubegehren.

Das Röntgenbild ist ergebnislos. Das sagt auch Eduardo. Und ist ratlos. Ich sowieso. Eine neue Phase der Suche nach einer passenden Heilung beginnt. Ich finde eine Masseuse sowie einen Akupunkteur, mit denen ich mein Glück versuche. Und nach schier endlos erscheinenden Wochen zeigt sich eine Besserung. Ich bin noch immer nicht schmerzfrei, aber optimistisch. Warum aber gerade ich, nach meinen vielen Jahren in China, nicht gleich an die gute alte Traditionelle Chinesische Medizin gedacht habe, ist mir noch immer ein Rätsel.

2. Dezember 2013

In einem fremden Land Auto zu fahren, ist ja oft ganz aufregend. In Peking hatte ich mich nach anfänglichem Zögern schnell den Regeln angepasst, die ein wenig denen beim Auto-Scooter-Fahren auf der Kirmes gleichen: Der Schnellste und Stärkste gewinnt. Einzig die mehr und mehr verstopfenden Straßen hatten mir diesen Spaß verdorben.

Kleine spanische Beulen-Show | © Anja Obst

Kleine spanische Beulen-Show | © Anja Obst

Hier in Spanien scheint der Verkehr im Vergleich zu Peking gesitteter. Dennoch herrscht hier die Meinung vor, ähnlich wie in Italien oder Frankreich: Wenn’s kracht, noch ein Meter. Selten habe ich so viele lädierte und verbeulte Autos gesehen wie hier. Beim Einparken zählen die Stoßstangen des Vorder- beziehungsweise Rückmannes als Richtmaß. Limousinenbesitzer schützen ihre Lieblinge daher in Garagen. Alle anderen sind den wild kurbelnden Spaniern ausgeliefert.

Auch beim Kreisverkehr, der hier üblicher ist als in Deutschland, vergessen einige, die Blinker entsprechend zu setzen oder, was noch fataler ist, wieder auszustellen. Dadurch kommt es gerne zu Missverständnissen mit unangenehmen Nebengeräuschen.

Die Zahl der Verkehrstoten ist laut dpa gesunken. Vielleicht liegt es daran, dass in Spanien Autofahrer über 45 erneut einen Hör- und Sehtest absolvieren und diesen alle zehn Jahre wiederholen müssen. Fahrer über 75 müssen diese Prozedur alle zwei Jahre über sich ergehen lassen. In Anbetracht der Einparkweise spielt besonders das gute Hören wohl eine große Rolle.

Lustig in diesem Zusammenhang ist der Risikorechner einer Autovermietung, der dem Interessierten vorrechnet, dass das Unfallrisiko mit Todesfolge in Spanien zweimal höher sei als in Deutschland. Und das, obwohl Spanien im Vergleich zu Deutschland noch nicht mal halb so viele zugelassene Fahrzeuge habe. Spaßeshalber habe ich auch mal China eingegeben. Autofahren ist demnach mit einem Selbstmordversuch gleich zu setzen: Dort in einen tödlichen Unfall zu geraten ist fast 90 mal wahrscheinlicher als in Deutschland. Der sichere Tod scheint aber in Zentralafrika zu lauern. Dort gibt es knapp 1.650 mal so viele tödliche Unfälle wie in Deutschland, obwohl nur 5.000 Fahrzeuge auf den Straßen herumkurven.

Da ist das Risiko, in Spanien nicht mehr lebend aus dem Auto zu kommen, doch lächerlich gering. Nur schade, dass den fahrbaren Untersatz ohne eigenes Verschulden trotzdem täglich neue Beulen schmücken.

20. Dezember 2013

© Anja Obst

© Anja Obst

Das im Sonnenlicht glitzernde Mittelmeer, immergrüne Pinienbäume und frühlingshafte Temperaturen zur Mittagszeit machen es einem schwer, in Weihnachtsstimmung zu kommen. Das ändert sich schlagartig, sobald es dämmert. Nicht nur wecken die rapide gesunkenen Temperaturen die Lust auf Handschuhe und Glühwein. Dann nämlich kommen die weihnachtlichen Dekorationen zur Geltung: der geschweifte Weihnachtsstern am Kirchturm, die blinkenden Lichterketten in den Straßen und Wohnungen und die bunt strahlenden Wünsche zum Fest.

Weihnachtsbäume gibt es eher selten, auch wenn ein wunderschöner solcher direkt bei mir in der Straße vor meinem Stammcafé steht. Ein Blick in die Wohnzimmer jedoch zeigt: Krippen sind der Inbegriff für Weihnachten in Katalonien.

In der Szenerie spielen allerdings nicht immer Maria und Josef mit dem Jesus-Kind die Hauptrolle. Gerne ziert auch der so genannte caganer, wörtlich »kleines Scheißerchen«, die illustre Runde. Er hockt oft grinsend in einer Ecke und tut seinem Namen alle Ehre. Historiker erklären sein Auftauchen zum einen mit der künstlerischen Darstellung des Realismus im 17. Jahrhundert. Zum anderen symbolisiere der caganer den Kreislauf des Lebens, sein Häufchen dünge die Erde und soll somit ein fruchtbares Jahr versprechen.

Die früher als Bauer dargestellte Figur hat in den letzten Jahrzehnten immer mehr Protagonisten bekommen. Fast jede Person des öffentlichen Lebens, Politiker, Könige, Prominente und Sportler, gibt es mit herunter gelassener Hose zu kaufen.

© Anja Obst

© Anja Obst

So ist es vielleicht auch nicht mehr verwunderlich, dass die Geschenke für die Kinder hier nicht vom Weihnachtsmann kommen, sondern vom Caga Tió, dem »Scheißklotz«. Diese mit einem Gesicht und roter Zipfelmütze verzierte Holzkiste wird von den Kindern ab dem 8. Dezember erst wohl behütet, gefüttert und mit einer roten Decke zugedeckt, damit sie nicht friert. Nur um sie dann am Heiligen Abend mit Stöcken zu piesacken, damit sie die Geschenke aus-»scheißt«. Dazu singen die Kinder ein Lied, in dem sie der armen Kiste immer wieder Prügel androhen, sollte sie denn keine Präsente »scheißen« oder Weiswein »pissen«. Ehrlich gesagt trifft diese Bescherungsvariante nicht meinen Weihnachtsgeschmack, obgleich ich sagen muss, dass es ein lustiger Brauch ist.

Dennoch ist der Verlauf des Weihnachtsfests ähnlich wie in Deutschland: Alle fiebern auf die Geschenke und schlagen sich den Bauch im Kreise der Familie voll. Zur Kirche gehen die frommen Spanier auch nur spärlich, erzählt mir Neus. Und wenn, dann sind es vor allem die Älteren.

Die Kinder in Katalonien können sich aber noch über eine zweite Bescherung freuen, die am 6. Januar, dem Epiphanias, stattfindet. Dieser Tag sei genauso wichtig wie Weihnachten, sagt Neus. Ich bin gespannt, ob es dann auch so unchristlich zugeht und die Heiligen Drei Könige, wie der Caga Tió, um ihre Haut fürchten müssen…

6. Januar 2014

In Deutschland putzen Kinder nur einmal gerne ihre Schuhe, am 5. Dezember nämlich, und das auch nur, damit der Nikolaus viele Süßigkeiten hineinstopft. Spanische Kinder sind da nicht anders, nur etwas später: Sie putzen am 5. Januar ihre Schuhe und hoffen auf reichhaltige Geschenke von den Heiligen Drei Königen am Tag darauf.

Zwar malträtieren sie die drei Weisen aus dem Morgenland nicht mit Stöcken wie den armen Caga Tió am Heiligen Abend, dennoch geht es tags zuvor nicht sehr gastfreundlich zu. Mit zusammengebundenen Dosen laufen sie lärmend durch die Straßen, um auf sich aufmerksam zu machen und von den Dreien nicht vergessen zu werden.

Eine andere, nicht minder egoistische Erklärung für diesen Brauch ist die Geschichte über einen Riesen in Algeciras – eine südspanische Hafenstadt in der Provinz Cádiz – der die Stadt in einer Rauchwolke verhüllen wollte. Damit Caspar, Melchior und Balthasar dennoch die Stadt finden und ihre Geschenke abliefern konnten, wurde der Riese mit dem Getöse vertrieben.

© Anja Obst

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In Dénia, zwischen Alicante und Valencia gelegen, scheint es freundlicher zuzugehen: Die drei Herren werden, wenn auch ungeduldig, an der Fähre erwartet und mit einem großen Tross zum Marktplatz begleitet, wo sie die Geschenke verteilen. War ein Kind unartig, bekommt es nicht wie bei uns eine Rute, sondern ein Stück Kohle.

Auch in Sant Pol wird die Ankunft der Weisen groß gefeiert. Pünktlich um sechs Uhr abends treffen sie begleitet von Musik ein. Nach ein paar kurzen Reden macht sich die heilige Delegation auf den Weg durch die Stadt, wobei sich alle an ihre Fersen oder besser Räder heften.

Sie fahren nämlich auf bunt geschmückten und beleuchteten Wägelchen durch die Straßen und werfen mit Bonbons und Konfetti nur so um sich. Ähnlich wie bei uns zum Karneval.

© Anja Obst

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Ein Wagen sieht aus wie ein überdimensionierter Süßwarenstand mit riesigen Lollis und großen Plastikröhren voller Süßigkeiten. Der Ort ist zwar recht klein, und die gesamte Fahrt dauert nicht länger als eine halbe Stunde, aber alle Bonbons sind am Ende verteilt. Es scheint angesichts der unüberschaubaren Menschenmenge wirklich jeder Einwohner an dem Marsch beteiligt zu sein.

Kaum ist die Musik verstummt, lichtet dieser sich jedoch frappierend schnell. Die Kinder eilen nach Hause zu ihren Geschenken und die Erwachsenen freuen sich schlicht auf gutes Essen.

Der Feiertag ist, wie viele andere, auch von kulinarischen Besonderheiten geprägt. So gibt es traditionell den Roscon de Reyes, den Königskranz. Das ist ein eigentlich recht simpler Hefekranz.

Der Clou an der Sache sind zwei ungewöhnliche Zutaten: Eine kleine Königsfigur und eine Bohne. Derjenige, der das Stück mit dem König auf dem Teller hat, wird gekrönt und soll ein erfolgreiches neues Jahr vor sich haben. Der Finder der Bohne darf den Kuchen bezahlen. In Katalonien heißt dieser Kranz Tortell de Reis.

19. Januar 2014

Es ist, als wolle der liebe Gott seine tatsächlichen Schäfchen auf Glaubensfestigkeit prüfen. In dem ausgetrockneten Flussbett beim Parc de Litoral finden heute Tiersegnungen statt und es regnet wie aus Kübeln. Mein Hund Askim und ich fallen mit Pauken und Trompeten durch. Aus Erfahrung weiß ich, dass mein sonst so treuer Begleiter mich, ebenfalls nicht nur sprichwörtlich, im Regen stehen lässt und keinen Schritt vor die Tür geht, sobald er die ersten Tropfen abbekommt.

Somit sind wir erst eine Stunde nach dem eigentlichen Beginn vor Ort. Eine Bekannte glaubt jedoch, die Zeremonie sei schon vorbei. Allerdings, sagt sie zwinkernd, kein Mensch komme wegen der Segnungen, nur wegen der Pferde.

Und in der Tat spielen diese majestätischen Kreaturen die Hauptrolle. An einem Ende ist ein kleiner Parcours abgesteckt, in dem Kinder auf Ponys reiten können. Daneben, in einem etwas größeren Areal, können die Zuschauer Dressur- und Springvorführungen bewundern.

© Anja Obst

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Den meisten Platz bekommen aber die »Rennpferde«. Auf der Bahn machen sich die ersten Teilnehmer warm und es dauert nicht lange, bis der Startschuss fällt. Nach wenigen Runden erweist sich ein in Cowboy-Kluft gekleideter Reiter als Sieger. Kurze Zeit später folgt schon das zweite Rennen. Angespornt durch die Rufe von den Zuschauern gewinnt dieses Mal eine junge Reiterin.

Es fängt wieder an zu regnen. Ich schlendere noch ein bisschen über den Platz, bevor die vorwurfsvollen Blicke meines Hundes mich erweichen. Hier steht nun endlich mal eine, schon oft von mir vermisste Würstchenbude einschließlich Bierausschank.

Und überraschenderweise gibt es keinen Stand, der für die Unabhängigkeit Kataloniens wirbt. Selbst auf dem Mini-Weihnachtsmarkt im Dezember, der aus sage und schreibe drei Verkaufstischen bestand, warben Anhänger um neue Unterschriften. Auf diesem Spektakel heute hätte es sich bestimmt eher gelohnt, gegen die spanische Regierung mobil zu machen.

© Anja Obst

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Aber heute sind ausschließlich Tiere die Hauptakteure. An der Böschung entlang stehen noch einzelne kleine Gehege mit den oben erwähnten Schäfchen, aber auch mit Ziegen, Eseln, Gänsen, Hühnern und riesigen Hütehunden. Schön ist auch zu sehen, dass das Schild »Nicht streicheln« nicht nur ignoriert, sondern gar bedeutungslos gemacht wird. Kleine Kinder tummeln sich völlig ungeniert zwischen den unterschiedlichen Vierbeinern.

Während Askim durch die Suche nach heruntergefallenen Brot- und Wurstresten versucht, sich über den Regen hinwegzutrösten, erfahre ich von einer anderen Bekannten, dass die Segnung schon vorbei sei. Wahrscheinlich hätte ich sie im Zweifel aber auch gar nicht mitbekommen. Ich hatte mir eine lange Schlange mit Menschen nebst Haustieren vorgestellt, die nach und nach eine Art Audienz beim Pfarrer bekommen. Die Segnung sei aber in die Eröffnungsrede eingebaut gewesen. Und hat meinen quengelnden Hund bestimmt auch über die Entfernung erreicht. Ich erlöse ihn also endlich und mache mich pitschnass auf den Nachhauseweg.

25. Januar 2014

Europa müsse seine vielfältige Kultur und regionalen Traditionen pflegen, forderte kürzlich, wenn ich mich recht entsinne, EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton. Sant Pol benötigt diese Aufforderung nicht, das Kultur- und Festivalkomitee überschlägt sich hier fast vor Engagement. Jede regionale Besonderheit erhält ihren entsprechenden Rahmen.

So werde ich auch heute, wieder völlig ahnungslos, von der mir schon bekannten Musik aus Trommeln und Blasinstrumenten überrascht. Beim Blick aus dem Fenster sehe ich, wie zwei so genannte Giganten auf dem Vorplatz der Ermita Sant Pau (Einsiedelei Sant Pols) um einander herum tanzen und sich langsam inmitten einer kleinen Menschenmenge auf den Weg in die Stadt hinunter machen.

© Anja Obst

© Anja Obst

Die Giganten sind große Figuren aus Pappmaschee, unter denen sich jeweils ein Mensch versteckt, der sie entweder mittels eines Stockes oder mithilfe eines leichten Tragegestells für die Schultern zum Leben erweckt. Die Figuren repräsentieren in Spanien oft Persönlichkeiten wie Könige und Königinnen oder Heilige. Im heutigen Fall sind laut Webseite der Stadtverwaltung Pol und Paulina unterwegs. Katalonien soll übrigens Spaniens Meister der Giganten sein. Es sollen jährlich 1.800 Umzüge mit den Riesen stattfinden, habe ich gelesen.

Schnell fotografiere ich die beiden großen Pappfiguren von meinem Balkon aus und mache mich auf, um ihrer Ankunft im Ort beizuwohnen. Weit komme ich allerdings nicht. Nach der ersten Kurve finde ich mich schon in einem großen Pulk Menschen wieder, die langsam an den aufgebauten Ständen vorbeischlendern.

Regionale Käse- und Wurstspezialitäten werden hier verkauft, das Kunsthandwerk mit Taschen und Holzfiguren ist vertreten, und auch der kleine Hunger zwischendurch kann sofort mit Crêpes und gefüllten Teigtaschen gestillt werden. Überall werden Proben verköstigt, wer möchte, kann auch verschiedene Weine versuchen. Nicht nur die vielen Menschen machen mir das Fortkommen schwer.

»Hallo, Anni«, höre ich dann zu meiner linken Seite. Es ist Maria aus dem Café in meiner Straße. »Was ist denn heute schon wieder los?«, nutze ich die Gelegenheit nach unserer Begrüßung, meiner Unwissenheit Abhilfe zu verschaffen. »Heute ist das Fest von Sant Pau«, erklärt Maria. »Der Markt geht bis heute Abend und später, um halb elf, gibt es dann im Café El Centre ein Konzert. Da musst du unbedingt hingehen!« Bevor ich fragen kann, wer oder was Sant Pau eigentlich ist, wird Maria mir winkend von der Menge fortgetragen.

Der Beantwortung dieser Frage widme ich mich dann also später, ich muss ja noch die Giganten finden. Als ich mich endlich durch die Menge gekämpft habe und am Bahnhofsvorplatz ankomme, ist von den beiden nichts mehr zu sehen.

Ich scheine ein Händchen dafür zu entwickeln, immer zu spät zu sein. Mit leeren Händen gehe ich dennoch nicht nach Hause. Einigen Spezialitäten konnte ich nicht widerstehen.

Die Webseite der Ortsverwaltung gibt leider nicht viele Informationen her. Wahrscheinlich muss hier niemandem erklärt werden, wer Sant Pau ist. Ich erfahre dort nur, dass es noch einige Veranstaltungen für Kinder gibt. Und dass das Konzert am Abend ein Jazz-Konzert ist. So kann ich mir wenigstens den Weg sparen, Jazz steht nicht sehr weit oben auf meiner Musikhitliste.

Das Fest heute gehört übrigens zu einer Reihe von Festen, die mit dem Dreikönigstag startete und auch die Tiersegnungen mit einschließt.

Nach einigem Stöbern im Internet habe ich mich jetzt entschlossen, davon auszugehen, dass Sant Pau, wie der Name eigentlich ja auch schon andeutet, der Heilige Paulus ist, genauer gesagt Paulus von Tarsus. Im Nachhinein erfahre ich noch, dass Pol und Paulina die ortseigenen Giganten sind. Jede Stadt hier in der Umgebung hat ihr eigenes Paar. Und dass ich sie nicht mehr angetroffen habe, lag daran, dass die Figuren recht schwer sind und die beiden Träger froh waren, sie wieder los zu sein. Zum Hauptfest im Sommer seien sie wieder unterwegs und vielleicht bin ich dann schnell genug.

15. Februar 2014

Das Jahr 2014 ist ein besonderes Jahr für Spanien und vor allem für Katalonien.

Das Ende der Belagerung Barcelonas während der Endphase des Erbfolgekrieges jährt sich zum 300. Mal. Als König Karl II. von Spanien, der letzte aus dem Hause Habsburg, im Jahr 1700 starb – ohne einen Nachfolger zu hinterlassen – kämpften mehrere Parteien um die Regentschaft.

Dieses Bündel der Parteien hier aufzudröseln, sprengte den Rahmen. Auf jeden Fall waren Spanier, Franzosen und Katalonier beteiligt. Am Ende des Krieges belagerten dann katalanische Truppen Barcelona, mussten jedoch am 11. September 1714 aufgeben und Katalonien wurde in den spanischen Zentralstaat eingegliedert. Manch einer erinnert sich eventuell an meinen Bericht über den Diada Nacional de Catalunya vom letzten Jahr.

2014 wird nun also ein Jahr der Feierlichkeiten werden, wie die Stadtverwaltung in einer Sonderausgabe der Stadtnachrichten ankündigt. Und für heute ist eine Theaterdarstellung geplant, mit der die Schlacht von Philipp V. am 15. Februar 1714 in Sant Pol nachgestellt werden soll.

Ein wenig verwirrt bin ich ob der Uhrzeit: »Inici a 2/4 de 7 de la tarde« steht da. Zwar fände ich es merkwürdig, die Einwohner mit einer, wenn auch simplen, Bruchrechnung herauszufordern, um die Uhrzeit zu erfahren. Aber alles andere ergibt für mich keinen Sinn. Es muss 18.30 Uhr losgehen.

Überpünktlich finde ich mich, wie Tausend andere auch, am Bahnhof ein. Besser gesagt an der Straße zum Bahnhof, die mit Strohballen und mittelalterlichen Töpfen und Karren dekoriert ist.

Zum Bahnhof zu kommen ist unmöglich. Ich erhasche noch einen Blick auf einen Reiter in der damaligen Uniform, gehe dann aber Richtung Strand. Dort sind kleine weiße Zelte aufgebaut, sowie eine Soundanlage und Scheinwerfer. Ein Mann, der schon erwartungsfroh dort sitzt, weiß leider auch nicht, wann genau es los gehen soll. Ich positioniere mich gegenüber vom Strand auf einem Pier aus Felsen und warte.

Plötzlich wird ein Feuerwerk an der Kirche gezündet. Nach einigen Raketen ist es jedoch schon wieder vorbei, aber dann folgen Schussgeräusche. Minutenlang knallt es, weiße Rauschwaden steigen zwischen den Häusern empor.

© Anja Obst

© Anja Obst

Ein wenig später hüllen dann gigantische rote Wolken einige Straßen Sant Pols komplett ein. Sie symbolisieren das Feuer, das an dem Tag vor 300 Jahren in Sant Pol als Folge der erbitterten Kämpfe gewütet hatte. Der ganze Ort wird zur Bühne. Es ist eine wahrlich faszinierende Inszenierung!

Als dieses Spektakel vorbei ist, schiebt sich kurze Zeit später eine Prozession weiß gekleideter Menschen zum Strand. Alle tragen Fackeln. Mit ihnen strömen die Massen, die vorher die Einkaufsstraße blockiert hatten. Nun folgt eine eher abstrakte Vorführung, bei der die Fackelträger zu sphärischen Klängen tanzen und mit ihren Bewegungen die Kämpfe der Truppen nachstellen.

Sie wedeln mit ihren weiten Ärmeln, knien sich nieder, um gleich wieder aufzuspringen, laufen umeinander herum und vor einander weg. Als ein bekanntes Lied von Dead Can Dance erklingt, lassen sie rote herzförmige Ballons mit Kerzen bestückt in die Luft steigen. Mit dem Vollmond und dem von ihm erleuchteten Meer im Hintergrund sowie der meditativen Musik ist der gesamte Strand in eine eindrucksvolle Stimmung versunken.

Eine Bekannte, ebenfalls mit dem Namen Maria, erzählt mir am nächsten Tag, dass die Ballons Vergebung und Liebe ausdrücken sollen. Vergebung für die blutige Schlacht in Sant Pol de Mar vor 300 Jahren.

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.