Die Polizei, dein Freund und Helfer?!

Die Polizei, dein Freund und Helfer?!

Jedes Mal, wenn eine Darmerkrankung meines Hundes mich zur besten Tiefschlafzeit auf die Straßen zwingt, fährt eine Polizeistreife an mir vorbei. Egal, zu welcher Uhrzeit. Mittlerweile glaube ich kaum noch an einen Zufall und vermute, es gibt Sensoren im Revier, die jede nächtliche Bewegung aufzeichnen und das Ausrücken der Staatsdiener zur Folge haben. Das ist natürlich Quatsch!

Als ich aber heute Morgen dem Polizeiwagen sogar im Wald begegne, ziehen meine Gedanken sehr weite Kreise und landen schließlich bei den neu aufgeflackerten Diskussionen um Terror und Islamisten. Kein Wunder eigentlich, die Berichterstattung über den Anschlag auf das Satiremagazin in Paris ist allgegenwärtig. Und mein Grad des Schocks ist ähnlich wie damals bei den Anschlägen auf das World Trade Center.

Dass dieser oben erwähnte Gedankengang, hier im beschaulichen Sant Pol, weit hergeholt ist, muss ich nicht betonen. Auch wenn das Örtchen im Verhältnis gesehen bestimmt eine höhere Population an Muslimen hat als die Pegida-Hochburg Dresden, bin ich ziemlich sicher, dass sich hier keine verschwörerischen Zellen angesiedelt haben.

Von »zwei hoch« auf »drei niedrig«

Spanien reagiert, wie viele andere Länder, dennoch auf das Massaker in Paris und »rüstet« im Kampf um die innere Sicherheit auf. Die großen nationalen Zeitungen wie El País, ABC und La Vanguardia berichten über die Anhebung der Terrorwarnung um eine Stufe. Bis letzte Woche lag diese bei »zwei hoch« und wurde nun auf »drei niedrig« erhöht.

Spaniens Innenminister Jorge Fernández Díaz wird in den Zeitungen zitiert, dass es »rücksichtslos« wäre, diese Angleichung nach den Ereignissen in Paris nicht zu machen. Die Stufe solle mindestens so lange gelten, bis die Vorfälle aufgeklärt seien. Es gebe keine akute Gefahr für Spanien, so Díaz. Allerdings habe es nur wenige Stunden nach dem Anschlag in Paris falsche Bombendrohungen für spanische Medien gegeben, die für Unruhe gesorgt hatten. Das spanische Pendant zu Charlie Hebdo, El Jueves, twitterte mit einer Karikatur eines blutenden Tintenfässchens: »Schlechte Zeiten für den Humor«.

Ordnungshüter im Wald

In Spanien gibt es fünf Risikostufen, von null bis vier, die jeweils noch in niedrig und hoch unterteilt sind. Bei Stufe vier werden Spezialkräfte der Anti-Terroreinheit mobilisiert, die jetzt in Stufe drei zwar alarmiert, aber nicht aktiv seien. Stufe drei beinhaltet unter anderem eine intensiviere Überwachung von Infrastrukturzentren wie öffentliche Gebäude, Atom-, Wasser- und Elektrizitätswerke sowie Bahnhöfen oder Flughäfen, als auch eine gesteigerte Polizeipräsenz auf den Straßen. Das könnte die Beamten im Wald von Sant Pol erklären. Das letzte Mal wurde die Sicherheitsstufe auf drei angehoben, als König Felipe letztes Jahr im Juni den Thron bestieg.

Auch wenn die Szene der islamischen Extremisten in Spanien vergleichsweise klein ist, nimmt der Staat die Bekämpfung sehr ernst. Zumal in Madrid 2004 einer der schlimmsten Anschläge in Europa verübt wurde. Fast 200 Menschen starben damals, als Islamisten vier vollbesetzte Vorortzüge in die Luft sprengten. Als Mekka der Extremisten gelten die beiden Einwanderungsziele für Nordafrikaner Ceuta und Melilla. Weit entfernt von Sant Pol.

Ich persönlich stelle fest, dass mich nächtliche Begegnungen mit den Ordnungshütern hier eher beruhigen. Das war in China zum Beispiel anders, wo die Willkür der Polizei vor allem für ausländische Journalisten immer eine Bedrohung war und noch immer ist, zu jeder Tages- und Nachtzeit. In Sant Pol aber gehen sie ihrer Bestimmung nach: Die Ordnung hüten. Auch im Wald. Denn dort treiben keine Islamisten ihr Unwesen, sondern, im Gegensatz dazu ganz banal, hungrige Wilderer.

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.

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