Public Viewing auf Spanisch

Public Viewing auf Spanisch

Jogi Löw hat es geschafft: Deutschland ist Fußball-Weltmeister!

Obwohl ich diesem Sport nicht viel abgewinnen kann, sind Weltmeisterschaften doch immer aufregend. Fans versammeln sich und verfolgen gemeinsam die mal mehr, mal weniger spannenden Begegnungen. Mich interessieren dabei meist nur die Deutschlandspiele, für den Rest reichen mir die Ergebnisse. Und das neunzigminütige Nachjagen des Balles macht mir auch nur Spaß beim Public Viewing.

Während meiner Zeit in Peking war ein WM-Highlight die Teilnahme Chinas. Riesige Menschenmengen versammelten sich auf öffentlichen Plätzen vor großen Bildschirmen und fieberten für ihre Mannschaft. Es war eine tolle Stimmung! Egal, wer gewann oder verlor.

Dass dieses „weltbewegende“ Ereignis in Sant Pol so wenig Aufsehen erregte, wunderte mich nun doch. Ich hatte erwartet, dass ein größeres Publikum dem Spektakel folgen würde. Doch weit gefehlt. Gleich zu Beginn der Wettkämpfe fragte ich in der Strandbar, ob sie Public Viewing hätten. „Äh, manchmal“, antwortete der Besitzer etwas verwirrt ob meines Interesses. Spiele, die im Pay-TV liefen, zeige er nicht, aber die anderen schon, überschüttete er mich dann doch noch mit Informationen. Kein einziges Mal jedoch sah ich dort den winzigen Fernseher laufen.

Die beiden Kneipen des Örtchens offerierten dagegen alle Übertragungen der Spiele. Davon war die eine Kneipe fast immer leer, in der anderen tummelten sich nur wenige Gäste, wovon die meisten nicht wegen des Fußballs kamen. Gestern, beim Finalspiel, kämpften mein Bruder und ich vergeblich um eine Fußballstimmung. Die Kneipe war zwar voll, aber nur eine Minderheit verfolgte konzentriert die Geschehnisse auf dem Bildschirm. Am Nebentisch saß eine Gruppe von Frauen, die möglicherweise Mitglieder eines Häkelclubs waren und sich lebhaft über unterschiedliche Themen ausließen. Eine Gruppe von Vierjährigen tobte mit Rollern und auf großen Plastiktreckern zwischen den Tischen hin und her, die entsprechende Geräuschkulisse ebenfalls eingeschlossen. Mehrere Jugendliche rekapitulierten das anscheinend ereignislose Wochenende. Erst als es in die Verlängerung ging, nahm die Zahl der tatsächlichen Zuschauer zu. Mein Bruder und ich waren dennoch die einzigen, die die Arme nach oben rissen, als endlich ein beziehungsweise das deutsche Tor fiel.

An dieses Szenario waren wir glücklicherweise schon gewöhnt. Bei den ersten Spielen von Deutschland stand ich einsam und verlassen auf weiter Flur mit meinen spitzen Glücksschreien für die deutsche Mannschaft. Als mein Bruder dann endlich anreiste, waren wir wenigstens schon zu zweit. Beim Spiel gegen Brasilien hatten wir noch Verstärkung von zwei Besuchern aus Deutschland, welche auch bitter nötig war. An dem Abend war die Kneipe gerammelt voll, was ich verwundert zu Kenntnis genommen hatte. Die Erklärung dafür war einfach und barg ein gewisses Risiko für uns: Der Besitzer kommt aus Brasilien. Alle seine Freunde kamen, um mit ihm zu fiebern.

Nachdem unser Freudengeschrei beim ersten Tor in der plötzlichen Totenstille der Kneipe unangenehm widerhallte, unterdrückten wir bei den folgenden sechs mehr und mehr unsere Begeisterung. Gefahr für Leib und Leben drohte. Beim vierten Tor spiegelte sich auf meinem Gesicht auch schon das erste Mitleid wider. Der Wirt nahm es sportlich, quälte sich sogar ein Lächeln ab. Seine Bedienung riss sich dagegen wütend das gelbe Trikot vom Leib. Unseren bereits geschmiedeten Plan, kurz vor Abpfiff schon mal Richtung Ausgang zu schlendern, um dann schnell die Beine in die Hand nehmen zu können, mussten wir glücklicherweise nicht umsetzen. Die Brasilienfans hatten sich schon längst mit dem wahrscheinlichen Ausgang des Spieles abgefunden und nickten uns am Schluss sogar anerkennend zu.

Als ich nun beim Finalspiel die Kneipe betrat, nahm ich trotzdem eine demütige Haltung ein. Ich entspannte erst, als der Wirt uns ehrlich erfreut begrüßte. Auch ihm war klar, dass wir nichts dafür konnten, dass Jogis Jungs den Stolz der Brasilianer arg beschädigt hatten. Am Ende läuft es doch nur auf das Folgende hinaus: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Aber ich hoffe, bei der nächsten WM wieder erfreut aufspringen zu können, ohne grimmige Blicke zu ernten.

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Dieser Artikel wurde geschrieben von

Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.