Der Weg ist das Ziel, zwangsläufig

Der Weg ist das Ziel, zwangsläufig

Nachdem Spanien lange eines der wirtschaftlichen Sorgenkinder der EU war, berichten viele große Zeitungen nun von einem Boom im letzten Halbjahr. Die Arbeitslosigkeit sank, das BIP nahm um stolze 1,2 Prozent laut Spiegel und Die Welt zu. Ich habe auch eine Idee, wo die neuen Reichtümer investiert werden könnten: In Schilder!

Auf einer mehrtägigen Wanderung entlang der Küste Richtung Frankreich bringt mich nicht nur einmal die mangelhafte Beschilderung an den Rand des Wahnsinns.

Ich muss vorweg schicken, dass ich mit einem sehr miserablen Orientierungssinn ausgestattet, und gerade deshalb auf richtungsweisende Hilfe angewiesen bin. Nachdem ich mich – selbstverschuldet – bereits innerhalb der ersten Stunde meiner Wandertour verlaufen hatte, folge ich glücklich einem Schild mit meinem Wanderweg, nur um fünf Meter weiter an eine Kreuzung ohne weitere Hinweise zu gelangen. Es gibt zwar ein Schild, das aber zeigt in die Richtung aus der ich komme. Wohin es rechts oder links geht, bleibt im Verborgenen. Es ist klar, dass ich falsch gehe, in einer Sackgasse mit einem umgepflügten Feld ende und nur durch die Besteigung einer steilen Böschung wieder auf einem festen Weg lande.

Das nächste Mal ärgert mich ein Schild, welches mich über einen Umweg in die von mir angepeilte Bucht führt. Über einen schmalen, steinigen Pfad erreiche ich eine vorgelagerte Bucht, die ich nur über eine halsbrecherische Klettertour über die vom Meer umspülten Klippen wieder verlassen kann. Und auch das erfahre ich nur, weil just ein Pärchen über diese Klippen in die Bucht gesprungen kommt. Ein Schild steht in dieser Naturidylle natürlich nicht.

Breite Wanderwege mit anfangs großzügigen Wegweisern sind ebenfalls kein Garant für nachfolgende Orientierungshilfen. Die versprochenen farbigen Markierungen an Steinen und Bäumen verschwinden im Laufe der Kilometer. Oder sie befinden sich in der Mitte einer Strecke, nachdem man vorher an einer Kreuzung rätseln darf, welcher der fünf Wege der richtige ist. Zweimal retten mich Jogger, die mir, Stunden zu spät, von meinem sprichwörtlichen Holzweg herunter helfen.

Amüsant ist auch ein Richtungsweiser, der mich mit meinem zu der Zeit schon vom schweren Gepäck gepeinigten Körper einen Berg hinauf lotst, nur um mich dann hinab auf den gleichen Pfad zu bringen, den ich kurz zuvor verlassen sollte. Mein Wiederauftauchen wird auch verwundert von drei Russinnen aufgenommen, neben denen ich kurze Zeit zuvor noch wanderte. Ihre Blicke stellen die mir unmöglich zu beantwortende Frage: Warum bist du denn den Umweg über den Berg gelaufen?

Fehlende Schilder veranlassen mich nicht nur einmal, einen beschwerlichen Gang über kilometerlangen Sandstrand in Kauf zu nehmen, alleine aus Angst heraus, im Hinterland erneut orientierungslos im Kreis zu laufen. Interessanterweise stelle ich auch immer wieder Differenzen des von mir vorbereiteten Kartenmaterials mit den tatsächlichen Gegebenheiten fest.

Dabei ist der Umstand, dass viele Orte noch nicht einmal Ortseingangsschilder haben, nicht besonders förderlich. Exakt achtmal stelle ich auf meiner Tour die gleiche Frage in verschiedenen Orten: Wo bin ich eigentlich genau? Nur einmal hilft mir die Antwort. Eine traurige Statistik.

Gerne ziehe ich auch den Stand der Sonne zur Orientierung herbei. Diese altbewährte Technik nützt aber nur denjenigen, die wissen, wo sie sind. Also mir meist nicht. Und selbst epische Erklärungen von freundlichen Anwohnern führen mich nicht immer ans Ziel. Der Rückweg zum nächstgelegenen Bahnhof, der entlang eines Flusses mit bemerkenswert vielen Schildern führt, endet wieder einmal abrupt in einem mir unbekanntem Ort ohne weitere Richtungsweiser.

Haben sich die Organisatoren auf den vorhergegangenen sieben Kilometern zu sehr verausgabt, frage ich mich. Eine junge Frau erklärt mir verständlich und mit vielen landschaftlichen Merkmalen auf Wunsch sogar zweimal, wie ich zu dem Ort mit dem Bahnhof komme. Die Kurzform ist: In zwei Kilometern durch den Fluss hindurch und dann links. Auf den Fluss treffe ich erst direkt vor dem Ort, nachdem ich stundenlang in der glühenden Sonne durch unentdeckte Natur gestolpert bin. Es gibt zwar überraschenderweise plötzlich Schilder, jedoch bestätigen diese nur, dass ich auf einem Wanderweg bin, nur leider verschweigen sie mir, auf welchem und wohin. Nur der Gedanke, bald wieder in bekannten Gebieten herum zu stromern, gibt mir die Energie, den Bahnhof letztendlich zu erreichen.

Zugegeben: Die Schuld für meine vielfachen Irrläufer darf ich wegen meines wirren inneren Kompasses nicht nur auf die Spanier schieben. Doch wo, bitte, liegt der Sinn darin, jemanden in eine Richtung zu schicken, um ihn dann auf Gedeih und Verderb im Stich zu lassen? Seitdem die wunden Füße nicht mehr weh tun, kann ich auch herzlich darüber lachen.

Wie allerdings auch schon an dem Tag nach der ersten Nacht wieder im eigenen Bett: Während ich weg war, hat jemand auf einem meiner beliebten Gassiwege ein Schild aufgestellt, dass den ehemaligen Bachlauf als Teil einer Wanderstrecke kennzeichnet. Nicht aber, wie man hoffen sollte, am Anfang des Weges oder an einer Kreuzung. Nein, es steht mitten drin genau auf der Hälfte des Weges, wo es sowieso keine Möglichkeit gibt, abzubiegen. Wer kann mir das bloß mal erklären?

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.

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