sí sí – Schicksalstage in einem Königreich

sí sí – Schicksalstage in einem Königreich

Seit ich sie kenne, spricht Neus am liebsten über die Hoffnung auf ein selbständiges Katalonien. Sie ist eine engagierte Verfechterin der Unabhängigkeit und selten habe ich so viel Leidenschaft für eine Sache bei einem Menschen erlebt, wie bei ihr. »Du bist genau zur richtigen Zeit hier, wir schreiben gerade Geschichte!«, das ist ihr Lieblingsspruch.

Und natürlich wird sie als Wahlhelferin den ganzen Tag bei den Wahlen dabei sein. Ihre Euphorie hat mich, einen politisch oft wankelmütigen und unentschiedenen Menschen, sogar angesteckt. Obgleich ich mehrfach, wie manch anderer auch, ihre Hasstiraden auf Spanien samt Regierung belächelt habe. Was aber nicht bedeutet, dass die Meinungen auseinander gingen. Im Gegenteil, bislang habe ich keinen Katalonier getroffen, der gegen die Abspaltung von Spanien ist.

© Anja Obst

© Anja Obst

Nun stehe auch ich, infiziert mit Neus‘ Unabhängigkeitsvirus, vor dem kleinen Tisch, um mich für die Wahl zu registrieren. Just, als ich bei der Verwaltung Sant Pols ankomme, schlägt es neun. Die Wahl wird mit begeistertem Klatschen der schon Schlange stehenden Menschen eröffnet. Bewaffnet mit ihren Stimmzetteln verschwinden schon die ersten Wähler in dem Gebäude. Ein wenig bezweifele ich noch, dass ich tatsächlich wählen darf.

Ein äußerst netter älterer Herr ist mir behilflich, dies herauszufinden. Er erklärt, dass jeder Europäer wählen dürfe, die Registrierung sei im Sinne der UNO und/oder Genfer Konvention (ich bin im Nachhinein nicht mehr sicher, ob ich das alles richtig verstanden hatte) vorgeschrieben, er selbst sei sich aber nicht sicher, ob dafür nicht ein Mindestaufenthalt in der Gemeinde von drei Jahren notwendig ist.

Ist es nicht, wie ein weiteres Mitglied der Volontäre weiß, und nach meiner Unterschrift neben der NIE, der Identifikationsnummer für Ausländer, darf ich mich ebenfalls anstellen. Erstaunlicherweise habe ich ein Kribbeln im Bauch. Ich schreibe gerade Geschichte!

Genau genommen »kreuze« ich Geschichte, denn auf dem Wahlzettel sind nur höchstens zwei Kreuze vonnöten: Möchten Sie, dass Katalonien ein Staat wird? Und wenn ja, soll dieser Staat unabhängig sein? Die Parole »Sí! Sí!« war schon Wochen, wenn nicht Monate lang allgegenwärtig. Und seit der letzten Woche wird sie von gelben Schleifen an Haustüren, Geländern und Straßenlaternen unterstützt. Auch Baumstämme sind mit gelber Plastikfolie umwickelt und, ich vermute als Erinnerung für die Sehbehinderten, ertönt allabendlich für ein paar Minuten ein Trommeln auf Dosen beginnend um Punkt zehn.

© Anja Obst

© Anja Obst

Während unserer Gespräche über die Geschichte und Politik Kataloniens und Spaniens, sowie die mögliche Unabhängigkeit, hatte Neus immer sehr deutlich gemacht, dass Katalonien von Anbeginn der Zeit eine eigenständige und produktive Region war, die immer wieder besetzt wurde. Angefangen bei den Römern noch vor Christi Geburt, über die Franzosen und dann schließlich die Spanier, um das Ganze mal sehr grob zu verkürzen.

Oft kommt es mir vor, als ob Neus die Diktatur unter Franco nicht viel schlimmer findet, als die jetzige Situation mit der spanischen Regierung. Jedenfalls entnehme ich das ihren Gefühlsausbrüchen, die in beiden Fällen besorgniserregend sind. Dass Spanien ein offizielles Referendum verboten hatte, ist natürlich Wasser auf ihren Mühlen. Meine nicht provokativ gemeinte Frage, was denn die Volksbefragung nun eigentlich bringen soll, konnte Neus auch nur mit einem Achselzucken beantworten. Vielleicht, so vermutet sie, setzt es einfach etwas in Bewegung. Für den Regierungschef Kataloniens, Artur Mas, soll die Umfrage ein Gradmesser des Unabhängigkeitswillens sein. Scheinbar hofft auch er auf einen Stein, der ins Rollen kommt.

Leider müssen die Katalonier letztendlich auf meine Unterstützung verzichten. An der Urne teilen mir die Wahlhelfer mit, dass ich noch zusätzlich eine Registrierung in Sant Pol benötige, die ich aber nicht besitze. Ein bisschen enttäuscht ziehe ich unverrichteter Dinge wieder ab. Der Wille zählt, tröstet mich eine Bekannte, die ich in den Reihen der Wähler entdecke.

Mehr noch tröstet mich jedoch das Ergebnis: Fast die Hälfte der Wahlberechtigten haben laut der Vizeregierungschefin Joana Ortega an dem Referendum teilgenommen. Achtzig Prozent stimmten sí sí, zehn Prozent sí no, also eigener Staat, aber zu Spanien gehörend, und nur knapp fünf Prozent war gegen die Unabhängigkeit. Wenn dies mal nicht der Beginn einer neuen Geschichtsschreibung ist!

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.