Streuner

Streuner

Aufgeregt wedelt mein tierischer Mitbewohner mit dem Schwanz. Er kennt das Geräusch seiner Leine nur zu gut. Allerdings muss er noch einen kurzen Zwischenstopp bei den öffentlichen Müllcontainern aushalten, bevor er durch das Naturschutzgebiet stromern darf. Doch als ich mit ihm im Schlepptau hinter die hölzerne Absperrung, die die Container umgibt, trete, stolpern wir fast über ein kleines Kätzchen.

Es ist furchtbar winzig und maunzt kläglich. Die Augen des Kätzchens sind verklebt. Mir dünkt, dass es herrenlos ist. Als ich meine Hand hinhalte, schreckt es erst zurück, nimmt den Annäherungsversuch dann aber dankbar an. Nun stehe ich da mit meinem zerrenden Hund, der Mülltüte in der linken und dem Kätzchen in der rechten Hand. Den Müll werde ich schnell los, doch was mache ich mit dem kranken Tier? Ich kenne nur die Tierarztpraxis im Ort. Von einer Tierschutzorganisation habe ich noch nichts gehört.

Glücklicherweise kommt Maria mit ihrem Mischling um die Ecke. Ähnlich kläglich wie das Kätzchen frage ich sie, was ich denn nun am besten machen könnte. Auch ihr fällt nur die Tierärztin ein. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zu ihr, in der Hoffnung, dass sie dem kleinen Würmchen helfen kann.

Sie kann! Wir dürfen das Kätzchen zur Behandlung bei ihr lassen und gemeinsam wollen wir versuchen, einen neuen Besitzer zu finden. Wir beide, haben wir auf dem Weg zur Ärztin festgestellt, sind einfach keine Katzenmenschen.

In Deutschland sind mir viele Leute begegnet, die ihren Hund aus dem europäischen Ausland gerettet haben. Auch das Internet ist voll von Aufrufen spanischer Tierasyls, die händeringend um Spenden oder besser noch Abnehmer für ihre Streuner bitten. Informationen zum Tierschutz in Spanien sind jedoch bedenklich rar gesät. Das Wort Tierschutz taucht meist nur in Verbindung mit Stierkämpfen auf, für beziehungsweise gegen die es eine verhältnismäßig breite Lobby hier gibt. Auch das ein oder andere Kaninchen, dem angeblich bei lebendigem Leib das Fell über die Ohren gezogen wird, sorgt für Aufschreie. Die vielen Hunde oder Katzen, die jedes Jahr vor den Sommerferien ausgesetzt werden, stehen jedoch allein auf weiter Flur.

Tiere werden in Spanien oft noch immer als Sache betrachtet. Erneut eine Gemeinsamkeit mit China. Mir ist das hier noch nie aufgefallen, wandere ich doch meist gemeinsam mit Hundebesitzern, für die ihr Tier eher ein Familienmitglied ist. Es gibt aber wohl genügend Spanier, die der Tradition folgen, ein Tier zu töten oder in die Kanalisation zu werfen, wenn es nicht mehr »gebraucht« wird. So wie einige Jäger auch noch immer »traditionell« ihre Jagdhunde einfach am nächsten Baum aufknüpfen, sollten sie »unbrauchbar« sein.

Die Angst vor einer mir unangenehmen Nachricht hält mich auch davon ab, bei den Lebensrettern am Strand nachzufragen, was mit der großen Seemöwe passiert sei, die ich an einem Morgen flugunfähig im Sand gefunden und gemeldet hatte. Mich zwei Tage später bei der Tierärztin nach der kleinen Katze zu erkundigen, traue ich mir aber dann doch. Als sie mir fröhlich von einer neuen Besitzerin erzählt, glaube ich erst, meine Spanischkenntnisse ließen mich wieder im Stich. Wie konnte sie so schnell jemanden finden? Und als sie mir sagt, wer die Katze hat, beschließe ich umgehend, einen Sprachkurs zu buchen. Doch das Geld kann ich mir sparen, denn ich habe mich nicht verhört: Das Kätzchen hat ein liebevolles Zuhause bei Maria gefunden!

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.