Wie war das noch mit den ungelegten Eiern?

Wie war das noch mit den ungelegten Eiern?

Der geneigte Leser mag sich erinnern: Seit Mai bin ich stolze Besitzerin eines Minibusses. Dieser soll mir in wenigen Tagen schon die Wohnung ersetzen, doch dafür sind natürlich einige Modifikationen des Innenraums notwendig.

Bevor ich damit beginne, recherchiere ich. Bislang hatte es sich bewährt, auf die Ratschläge zu hören, die ich ungefragt erhalte.

Wie der von meiner Bekannten Christina, die mir vor dem Erwerb des Vehikels empfahl, kein Wohnmobil zu kaufen, da ich damit Probleme mit erlaubten Parkplätzen bekäme. Ein wertvoller Tipp, wie ich mittlerweile auch schon feststellen durfte. Jedes Caravan-Verbotsschild springt mir ins Auge, und davon gibt es nicht wenige.

Ab ins Internet!

Wie immer ist mein erster Schritt: Ab ins Internet! Ich stolpere gefühlt millionenfach über Blogs, in denen genau meine Fragestellung beantwortet wird: Wie bekomme ich die modifizierte Kiste am Ende durch den TÜV?

Abgesehen davon, dass ich eine Menge Zeit alleine zum Verstehen benötige, finde ich die Erkenntnis nach einigen Tagen eher dürftig. Mal geht alles gut, mal meckert der TÜV. Ein einfaches Rezept scheint es nicht zu geben.

Ich versuche die offizielle Variante und wende mich an den Hersteller. Persönlich, telefonisch, schriftlich. Auch dieses Ergebnis ist ernüchternd: Nichts, was ein anderer einbaut, kann technisch abgenommen werden.

Einer bietet mir einen TÜV-geprüften Fussbodenbelag an. Ich lehne ab. Vor lauter Eifer und völlig ungebremst hatte ich nämlich bereits Parkett in der Ladefläche verlegt.

Einen Trumpf habe ich noch im Ärmel: Ich war zuvor über eine Organisation gestolpert, die im Internet ihre Dienste für die Homologation anbietet. Es klingt einfach, ich frage an und werde kurze Zeit später aufgefordert, mich telefonisch für eine Beratung zu melden.

Bei aller Liebe und allem Selbstvertrauen, technische Feinheiten, die mit Autos zu tun haben, verstehe ich noch nicht einmal auf Deutsch.

Meine Freundin Neus muss dafür herhalten. Nach einer halben Stunde sind wir schlauer. Alles kein Problem, aber es kostet €300.

»Warte noch«, sagt Neus, »Freunde von meinem Mann haben ihren Bus auch umgebaut, ich frage die erst einmal, wie sie das mit dem TÜV gemacht haben.« Nach ein paar Tagen ruft sie mich an und erklärt: »Keiner von ihnen hatte Probleme. Im Zweifel müsstest Du halt alles rausnehmen, bevor du zum TÜV fährst.«

Diese Aussage hatte ich schon vorher von einigen gehört, die ich mit dieser Frage konfrontierte. Auch von dem KFZ-Mechaniker meines Vertrauens, Manel.

Solange keine Gasflasche im Auto eingebaut ist, dürfte es keine Probleme geben. Diese, antworte ich, kann ich ja auch rausnehmen, bevor ich zum TÜV fahre.

Ich konzipiere nun das Innendesign so, dass es im Notfall auch abzubauen ist, kaufe Material und kann endlich loslegen. Sägen, bohren, hämmern, schrauben, es ist erstaunlich, was man mit so einem Kinderwerkzeugkasten, wie ich ihn besitze, alles bauen kann.

Den Sommer über bastele ich immer wieder an meinem Auto herum, bis am Ende ein stabiles Gerüst entstanden ist, auf dem ich schlafen und Boxen darunter verstecken kann. Die Scheiben verklebe ich mit einer Spiegelfolie für mehr Privatsphäre. Tausend Kleinigkeiten fallen mir für Organisation, Dekoration und Wohlgefühl ein, ich schaffe gar nicht alles bis zum TÜV-Termin.

Beim TÜV

Und dort stehe ich nun. Mit dem gleichen Gefühl, das ich habe, wenn ich zum Zahnarzt gehe. Obwohl nichts weh tut, findet der immer etwas, woran er bohren, feilen oder kalte Luft gegen sprühen kann.

Betont lässig gebe ich mich. Befolge brav alle Anweisungen für die technische Untersuchung. Und halte nur unmerklich die Luft an, als der Prüfer die Seitentür aufschiebt und misstrauisch den Aufbau begutachtet.

»Du weißt, dass Du keinen Camper aus dem Auto machen darfst?«, fragt er mich. Eifrig nicke ich und erkläre, dass alles abbaubar sei, ich aber in wenigen Tagen in den Urlaub will, weshalb ich schon alles aufgebaut hatte, trotz TÜV-Termin.

Ich will über die Lehne klettern, um mein ausgeklügeltes Ein- und Ausbausystem zu demonstrieren. Er winkt ab. Und schickt mich über den Schacht für die Unterbodenkontrolle.

Nachdem alle Punkte abgearbeitet sind, kommt mein Prüfer mit einem zweiten daher, schiebt die Tür wieder auf und sagt etwas. Auf Katalanisch. Ich könnte schreien. Kein Wort verstehe ich von deren Diskussion.

Hilflos muss ich das Fachsimpeln hinnehmen, ohne eingreifen zu können. Ohne erklären zu können. Ohne auch nur ein Stückchen Kontrolle über das Geschehen zu erlangen.

Mit nachdenklichem Blick sagt der zweite Prüfer, der wohl auch der Chef vom Ganzen ist: »In Spanien ist es verboten, die Fenster mit Klebefolie abzukleben.« Ach, damit habe ich nun überhaupt nicht gerechnet. »Das dürfen nur genehmigte Firmen machen, nicht du selbst.«

Ich behaupte, ohne es wirklich zu wissen, dass mir das gar nicht bewusst war, denn in Deutschland sei das überhaupt kein Problem.

»In Spanien geht das nicht«, wiederholt er. Und wartet. Worauf? Soll ich das jetzt alles wieder abknipseln? An Ort und Stelle? Dann bliebe mir wohl nichts anderes übrig, als sie wieder abzuziehen, sage ich dann reuevoll.

Plakette

© Anja Obst

Der Prüfer nickt und tippt etwas in seinen Computer. Er kommt zurück, kratzt den alten TÜV-Aufkleber ab und klebt die neue Plakette an. »Dieses Mal lasse ich es durchgehen«, sagt er. »Bis in einem halben Jahr.«

Ich strahle ihn dankbar an und erwidere: »Bis in einem halben Jahr!«, wohlwissend, dass ich dann schon längst unterwegs sein und mich bei einer anderen TÜV-Stelle dumm stellen werde.

Vielleicht habe ich wieder Glück und bekomme nur die nun bekannte Verbotsauskunft. Bis dahin genieße ich den Sicht- und Sonnenschutz auf meiner großen Fahrt ins Unbekannte.

P. S.: Mittlerweile bin ich schon unterwegs, werde aber weiterhin über Kurioses berichten, allerdings mit größeren Abständen. Früher oder später stolpere ich sicherlich über einige interessante, ortsspezifische Ereignisse.

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.

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