Wohnen in einem nicht-existenten Haus

Wohnen in einem nicht-existenten Haus

Nachdem ich mittlerweile die Meldefrist für in Spanien lebende Ausländer um gut 21 Monate überzogen haben, sitze ich in der Stadtverwaltung von Sant Pol, um dies endlich nachzuholen. Ehrlich gesagt, hätte ich diese Wahl nicht getroffen, überlegte ich nicht, mir ein Auto zu kaufen. Und ohne Anmeldung könnte ich dieses gar nicht ummelden.

Meine Angst, dass mir durch die Verzögerung nun eine Strafe drohen könnte, lässt mir den Schweiß wechselweise heiß und kalt den Rücken hinunterlaufen. Äußerlich lasse ich mir natürlich nichts anmerken. Die junge Dame mir gegenüber ist nicht nur extrem freundlich und fröhlich, sie gibt mir sogar das Gefühl, dass ich ihr mit meinem Anliegen eine große Freude bereite.

Entspannung macht sich breit, der Rücken trocknet langsam wieder. Bis sie auf meinen Mietvertrag schaut und stutzt. Der ist natürlich ein Jahr alt und läuft zudem Ende Februar ab. Ich bin ertappt! Mein Atem setzt aus.

Die Frage, die sie ihrer Kollegin zuruft, verstehe ich nicht. In meinen wilden Fantasien spiele ich aber schon diverse und vor allem unangenehme Szenarien durch. Angriff ist die beste Verteidigung, also werfe ich ungefragt ein, dass der Vertrag zwar ablaufe, sich jedoch automatisch verlängere. Die Kollegin im anderen Gang nickt derweil wohlwollend als Antwort, kein Problem, signalisiert sie.

Mein Atem reguliert sich wieder. Munter tippt die junge Verwaltungsfachangestellte meine persönlichen Daten ein, begutachtet meinen Pass, dann wieder den Mietvertrag, vergleicht und tippt. Als sie meine Adresse eingibt, hält sie inne und runzelt die Stirn.

Unbekannte Adresse

Stirnrunzeln, das kenne ich aus China und habe in Bezug auf Ämter keine gute Assoziation damit. Wie oft habe ich in einer chinesischen Behörde gesessen, durfte mit den Angestellten über Lappalien diskutieren, nur weil der sonst normale Vorgang aufgrund der Beteiligung eines Ausländers plötzlich infrage gestellt wurde. Und nicht selten kam dann der Einfachheit halber ein: Nee, das geht nicht! Erst nach weiterem Einreden mit Engelszungen, in schweren Fällen Rabatz machen, bekam ich nach Stunden den Stempel, den ich gerade brauchte. Ich stelle mich also besser auf ein ähnliches Prozedere auf Spanisch ein.

Für die bessere Vorbereitung frage ich betont locker, was denn los sei. »Ich finde deine Adresse nicht im System«, kommt als Antwort. Jetzt stutze ich. Aber es wohnen doch sechzehn Parteien dort, wie könne das denn sein. »Die sind vielleicht einfach nicht dort gemeldet.«

Ich glaube, mich zu verhören. In Deutschland kriegt man gleich einen auf den Deckel, wenn man sich innerhalb von einer Woche nach einem Umzug nicht ummeldet. Und hier meldet sich niemand an?

Von den Vorzügen einer Ummeldung

Meine Freundin Maria erklärt mir später, dass natürlich jeder Spanier gemeldet sein müsse. Aber nur wenige machten sich die Mühe, die Adresse zu ändern, sobald sie wegziehen. Es frage auch niemand danach. Offizielle Schreiben gingen daher oft an die Eltern, auch bei ihr. Arbeit, Uni oder sonstige »unwichtige« Interessenten bekämen die aktuelle Wohnadresse. Neus ergänzt, dass eine Anmeldung, egal wo, reiche, um alle sozialen Einrichtungen wie Ärzte, Kindergärten, Schulen oder ähnliches in Anspruch zu nehmen. Es mag vielleicht jemand darauf hinweisen, dass man sich doch ummelden solle, aber ist das Kind erst mal in der Krippe, schreie kein Hahn mehr danach. So viel zu dem unnötig vergossenen Angstschweiß.

Natürlich recherchiere ich später offizielle Quellen dazu, finde aber erstaunlich wenig – was durchaus an der Hürde des Beamtenkauderwelschs jedweder Sprache liegen kann. Eine Webseite, über die ich virtuell stolpere, hebt die Vorzüge einer Registrierung hervor und bittet förmlich darum. Die Argumente sind eigentlich unschlagbar: Gemeinden erhalten je nach Höhe der Einwohnerzahl entsprechende Subventionen, wodurch die Pro-Kopf-Kosten für die Müllabfuhr zum Beispiel sinken. Auch die Zahl der Staatsdiener und Postboten in der Gemeinde richtet sich danach. Zwischen den Zeilen gelesen schaffe man also Jobs mit der kostenlosen und unkomplizierten Anmeldung.

In meinem Fall, mit der scheinbar nicht existierenden Adresse, gibt es eine simple Lösung: Sie wird in das System eingepflegt. Zusammengefasst ergibt mein kleiner Schritt in die Stadtverwaltung eine durchaus positive Bilanz: Datenbestände sind aktualisiert, meine Angst vor Behörden gemildert und vielleicht bekommt sogar die Postzustellerin endlich eine Urlaubsvertretung.


Auf dieser Webseite erfuhr unsere Bloggerin Anja Obst von der Vorzügen einer Anmeldung als Ausländer in Spanien: www.auswandern.com/Meldepflicht-fuer-Auslaender-Auslaenderzertifika.2039.0.html

Nächster Artikel:
Vorheriger Artikel:
Dieser Artikel wurde geschrieben von

Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.