Una guapa

Una guapa

Die Spanier sind ein lautes Völkchen. Drei Jugendliche unten auf der Straße reichen aus, um meine Ruhe auf dem Balkon im vierten Stock zu stören. Meine Hoffnung, mit dem Umzug in eine neue Wohnung diverse Lärmquellen zum Versiegen zu bringen, begrabe ich gerade.

Auch hier kann ich durch den Lichtschacht, der anscheinend bei jedem Mehrfamilienhaus eingebaut ist, meinen Nachbarn beim Fernsehen, Kochen oder Streiten zuhören. Ob sie aber tatsächlich streiten, kann ich oftmals nicht erkennen. Auch normale Unterhaltungen werden hier häufig in einer lauteren Tonart geführt. Darin spiegelt sich das Gemüt der Spanier wieder. Sie sind einfach emotionaler als die Deutschen.

Das zeigt sich auch in der Wortwahl. Wird jemand in Deutschland nur mit einem knappen „Hallo!“ und vielleicht noch „Wie geht’s?“ begrüßt, hängt der Spanier gerne noch ein guapo/guapa oder cariño/cariña an. Dabei ist es unwesentlich, ob der/die Angesprochene tatsächlich hübsch oder dessen Liebling ist.

Bei mir zaubert es gerne ein Lächeln ins Gesicht, auch wenn ich genau weiß, dass es nicht wörtlich gemeint ist. Wie neulich, als ich mit meinem tierischen Gefährten Askim bei einer Wanderung in einen Pulk Rennradfahrer geriet. Der erste, der uns auf dem schmalen Waldweg entgegensauste, rief seinen Mitfahrern nach hinten zu: „Achtung: Hund!“. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er mich an und fügte laut hinzu: „Y una guapa!“

Nie und nimmer wäre es ihm möglich gewesen, in diesem Minimoment mein Aussehen zu bewerten. Zumal ich in meinen unförmigen Wanderhosen und mit dem verschwitztem Gesicht noch nicht mal einen Trostpreis bei einem Schönheitswettbewerb gewonnen hätte.

Trotz der offensichtlichen Oberflächlichkeit, tun diese Ausdrücke gut. Für mich gibt es auch noch eine praktische Anwendungsmöglichkeit: Da ich immer Probleme habe, mir Namen zu merken, kann ich diese spanische Eigenheit nutzen, einer Peinlichkeit zu entgehen. Statt des Namens sage ich einfach ein Kosewort.

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.